MoliCare Produkt wird aus einer Tasche geholt

Innovative Ideen für eine optimierte Versorgung bei Inkontinenz

Rüdiger Kesselmeier und Enno Gause
Dr. Rüdiger Kesselmeier (links) und Dr. Enno Gause (rechts)
„Schneller, höher, weiter“ lautet das olympische Motto. Bei Inkontinenzprodukten wären „kompakter, saugstärker und diskreter“ die passenden Adjektive. Wie die Entwicklung dieser für die Betroffenen so wichtigen Produkte abläuft, erläutern die beiden Entwicklungsleiter bei HARTMANN.
Genau 40 Jahre ist es nun her, dass HARTMANN unter der Marke Molinea® seine ersten aufsaugenden Inkontinenzhilfsmittel auf den Markt brachte. Zu Krankenunterlagen kamen schnell weitere Produkte wie Inkontinenzeinlagen und Inkontinenzslips. In diesen vier Jahrzehnten wurden die Produkte beständig weiterentwickelt. Das bestätigt auch Dr. Enno Gause, der sich seit inzwischen 31 Jahren bei HARTMANN mit den Themen Produktentwicklung und Qualitätssicherung beschäftigt und sich heute als einer der Entwicklungsleiter für Inkontinenzprodukte speziell auf die Kosteninnovationen bei diesen Artikeln spezialisiert hat.
MOliCare Slip von 1997
MoliCare® Slip von 1997: Ein verbesserter Auslaufschutz war schon 1997 Thema bei der damaligen Ausführung des MoliCare® Inkontinenzslips

„Die Grundkomponenten sind immer noch dieselben“, erläutert er. Da wäre zunächst einmal ein Mix aus Zellstoff und Superabsorber, kurz SAP, für die Saugleistung. Dazu kommen dann Vliesstoffe, Folien, elastische Fäden, Schmelzklebstoffe und natürlich noch eine Verpackung drum herum.

Aber dennoch ist das Produkt von heute ein ganz anderes als in den 1970er-Jahren. Zum einen ist es leichter und kompakter. Das liegt vor allem daran, dass der Superabsorber immer leistungsstärker und konzentrierter wurde, sodass für die gleiche Saugleistung weniger Material benötigt wird. „Auch die eingesetzten Vliese leisten heute mehr und haben dabei nur noch das halbe Gewicht als vor 30 Jahren“, sagt Enno Gause, der als studierter Holzwirt und mit einer Promotion in Zellulosechemie insbesondere für die Zellstoff und Faserthemen viel Know-how mitbringt.

Die Entwicklung geht weiter

Auch wenn gerade eine neue Generation auf den Markt gekommen ist, geht die Entwicklung doch weiter. „Wir bekommen dafür Input aus allen möglichen Richtungen“, meint Dr. Rüdiger Kesselmeier, wie Enno Gause ebenfalls Entwicklungsleiter und dabei speziell für die Produktinnovation verantwortlich.

„Der Markt ändert sich ständig, ebenso die Kundenbedürfnisse“, sagt der promovierte Chemiker mit dem Schwerpunkt Polymerchemie, der vor bereits 23 Jahren zu HARTMANN kam und zuvor bei einem Hersteller von Vliesstoffen – „wir waren damals Lieferant von HARTMANN“, erklärt er – tätig war.

So stehen Gespräche mit Kunden und den Kollegen aus Marketing und Vertrieb am Beginn einer neuen Entwicklung. „Wir sprechen aber auch mit Patentexperten und sehen, was es Neues gibt. Und ebenso mit den Lieferanten der Maschinen zur Herstellung der Produkte“, meint Rüdiger Kesselmeier. „Es gibt nur eine Handvoll Hersteller weltweit und wir lernen immer gegenseitig voneinander.“

Werk Herbrechtingen
Eine weitere Quelle für Anregungen sind aktuelle Produkte für Baby- und Damenhygiene und Inkontinenzprodukte aus anderen Ländern. „Die Japaner sind beispielsweise in Optik und Haptik ihrer Produkte führend“, sagt Enno Gause. „Aber das kostet natürlich auch und wäre in Deutschland zu diesem Preis nicht zu verkaufen.“

Aus Ideen werden Produkte

Aus ersten Ideen entwickeln Gause, Kesselmeier und ihr Team dann Konzepte für neue Produkte. Es entstehen erste Prototypen, die zunächst im Labor an Dummies getestet werden.
MoliCare Test an Dummy
Das Produkt wird an einem anatomisch korrekten Puppen-Torso getestet.
MoliCare Test an Dummy
Der Torso wird in eine liegende Position gedreht, die ein realistisches Szenario simuliert. Um das Körpergewicht zu simulieren, wird der Torso mit Druck belastet.

„Aber wir selbst und unsere Kollegen probieren die neuen Produkte selbst aus, inklusive der Prüfung der Saugkapazität“, wie Rüdiger Kesselmeier schmunzelnd ergänzt. Dazu kommen dann Paneluntersuchungen bei einem Prüfinstitut, wo auch das Handling bewertet wird, und Markttests, die Vergleiche zwischen der neuen und alten Generation und zwischen dem neuen Produkt und seinen Wettbewerbsprodukten umfassen und eine Bewertung der geplanten Marketingmaßnahmen beinhaltet.

Eine entscheidende Frage während der ganzen Entwicklung ist aber auch, ob sich das alles technisch realisieren und mit dem vorhandenen Maschinenpark in den vier HARTMANN Werken für Inkontinenzprodukte – in Herbrechtingen, in Brück sowie in Frankreich und Spanien – herstellen lässt.

„Für neue Produkte müssen wir die Maschinen immer umrüsten“, erläutert Rüdiger Kesselmeier. „Zugleich muss aber ja die Produktion weiterlaufen.“ Dann kommen viele Anpassungen ins Spiel. „Alle unsere Maschinen sind eingekauft, aber umfassen viele eigene, für HARTMANN spezifische Komponenten, wie zum Beispiel für optische Kontrollen oder die Verpackung“, erläutert Enno Gause. Auch Teile des Flockenlegers wurden von den Mitarbeitenden bei HARTMANN selbst gebaut. „Die Verfahrensentwicklung ist also ein ganz wichtiger Teil der Entwicklung“, betont Rüdiger Kesselmeier. Entwicklung bedeute also immer, Produkt UND Prozess zu optimieren.
Produktion in Herbrechtingen

Innovationen erfolgreich umsetzen

Skinguard Aufbau

Eine der neu entwickelten Innovationen startet jetzt in den Markt. Die neue Generation der Inkontinenzeinlagen MoliCare® Premium lady Pads und Premium MEN Pads sowie der Inkontinenzpants MoliCare® Premium Mobile verfügt neben zahlreichen anderen Verbesserungen über einen neuen Saugkörper. Dank seiner speziellen Konstruktion und mit einem chemischen Puffer stellt er sicher, dass das Inkontinenzprodukt für einen pH-hautneutralen Wert an der Haut des Anwenders sorgt und damit vor Hautschäden schützt.

„Darauf haben wir auch ein Patent“, erklärt Rüdiger Kesselmeier stolz. „Das ist eine Technologie, die es nur bei HARTMANN gibt.“ Und für die das Unternehmen übrigens gerade mit dem Innovationspreis Ostwürttemberg ausgezeichnet wurde.

„Does it make sense?“

Die Entwicklung von der ersten Idee bis zur Produktion ist also ein komplexer Prozess. „Die entscheidende Frage dabei ist immer, ob etwas Sinn ergibt“, erklärt Enno Gause. „Die Kostenaspekte sind in diesem Markt – Stichwort Pauschalen für die Inkontinenzversorgung in Deutschland – immer extrem wichtig und Kosteninnovationen haben daher besonderes Gewicht.“

Preiswerte Produkte mit mindestens der gleichen Leistung sind gefragt, wie ein Beispiel zeigt. Der Superabsorber wurde immer leistungsstärker. Damit wurden die Produkte nicht nur für den Patienten leichter und angenehmer zu tragen, sondern es wurde eben weniger Material verwendet, das Produkt ist kompakter und benötigt weniger Verpackung und man braucht weniger LKW zum Transport. „Der Kostenvorteil ist damit auch gleichzeitig ein Faktor für mehr Nachhaltigkeit“, betont Rüdiger Kesselmeier.

Insgesamt zielt die Produktentwicklung darauf ab, Kundenmehrwerte in fünf Kategorien zu schaffen: klinisch, operativ, geschäftlich, für Patienten und für den Umweltschutz.

Aufgaben für die Zukunft

Die Arbeit wird den Entwicklern jedenfalls nicht ausgehen, wie Enno Gause erläutert: „Wir sehen hier zwei Trends. Zum einen wird der Kostendruck europaweit zunehmen, zum anderen wird der Aspekt der Nachhaltigkeit immer wichtiger.“

Das setze den Fokus noch stärker auf hybride Systeme, ergänzt er. Da wäre zum einen eine Versorgung mit zweiteiligen Systemen, also mit Einlagen wie MoliCare® Premium Form und den dazu passenden Netzhosen MoliCare® Premium Fixpants. Zum anderen ist demnächst die Einführung aufsaugender Unterwäsche – waschbar oder mit auswechselbaren Einlagen – geplant, die insbesondere bei beginnender Inkontinenz eine ideale Lösung ist.