Dabei versteht sich dieses „Wund-Balance-Kontinuum“ nicht nur als Leitfaden zur Erzielung der „Wund-Balance“, sondern bemüht sich auch um ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten sowie der beteiligten medizinischen Fachkräfte. Das Ziel ist es, die Qualität der Wundbehandlung mit praxisorientierten Vorschlägen zu steigern.
Dazu gehört, dass medizinische Fachkräfte in die Lage versetzt werden sollen, die wissenschaftlichen Grundlagen der Wundheilung zu verstehen, um Faktoren zu erkennen, die den Heilungsfortschritt einer Wunde potenziell behindern können. So soll erreicht werden, dass Wunden, die voraussichtlich stagnieren oder chronifizieren, möglichst frühzeitig adäquat versorgt werden.
Störfaktoren und Barrieren der Wundheilung beseitigen
Für eine erfolgreiche Wundheilung müssen alle vier Phasen – Hämostase, Exsudation/Infektion, Proliferation und Umbau – in der richtigen Reihenfolge ablaufen. Es gibt jedoch zahlreiche Faktoren, die diese Prozesse stören können. Werden sie rechtzeitig identifiziert und beseitigt, kann dies zu einer schnelleren Wundheilung führen und in vielen Fällen eine langfristige Chronifizierung vermeiden.
Biomarker bieten dabei eine identifizierbare und messbare Option zur Beobachtung des Heilungsfortschritts und Erkennung von Hindernissen. Zu den Biomarkern, welche die Wund-Balance beeinflussen, gehören unter anderem Matrix-Metalloproteinasen (MMP), Elastase aus polymorphnuklearen Granulozyten (PMN- Elastase) oder Wachstumfsfaktoren.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den MMPs. Sie spielen zwar eine wichtige Rolle bei der Wundheilung, zugleich gibt es aber zahlreiche Belege dafür, dass die MMP-Konzentrationen bei stagnierenden Wunden im Vergleich zu akut heilenden Wunden stark erhöht sind.
Auch allgemein haben Untersuchungen von Wundexsudat ergeben, dass kritische Biomarker bei chronischen Wunden erhöht sind. Dies bedeutet zugleich, dass aus dem chronischen Wundmilieu ein heilendes Wundmilieu entstehen und der Heilungsprozess aktiviert werden kann, wenn die mit chronischen Wunden einhergehenden Faktoren rückgängig gemacht werden können und das Wundmilieu wieder in Balance gebracht wird. Hier spielt der Einsatz von passenden Wundauflagen, die z.B. zur Modulierung der Proteasenkonzentration in der Wunde geeignet sind, eine wichtige Rolle.
Den Heilungsverlauf ins Gleichgewicht bringen
Ein ausgeglichenes Wundmilieu ist also eine entscheidende Voraussetzung für ein optimiertes Heilungspotenzial der Patienten. Eine Wund-Balance kann durch folgende Maßnahmen hergestellt werden:
- Wundbettvorbereitung: Dies umfasst die Behandlung einer Wunde, um ihre Heilung zu beschleunigen oder die Wirksamkeit anderer therapeutischer Maßnahmen zu fördern. Dabei ist das Débridement, die Entfernung von nekrotischem, abgestorbenem oder infiziertem Gewebe, ein wichtiger Schritt, um Heilungsbarrieren zu beseitigen.
- Exsudatmanagement: Obwohl die Produktion von Wundexsudat eine notwendige Voraussetzung für den Heilungsprozess ist, kann Exsudat die Wundheilung beeinträchtigen, wenn es in der falschen Menge, an der falschen Stelle oder in der falschen Zusammensetzung vorhanden ist. Ein gutes Exsudatmanagement soll den Feuchtigkeitsgehalt des Wundbetts für den Patienten optimieren, die wundumgebende Haut schützen, Symptome lindern und die Lebensqualität des Patienten verbessern.
- Auswahl der richtigen Wundauflage: Wundauflagen können das Wundheilungsmilieu beeinflussen und die Heilung fördern. So weisen superabsorbierende Wundauflagen mit Polyacrylatpolymeren (SAP) wie die RespoSorb-Familie von HARTMANN eine überaus hohe Flüssigkeitsabsorptionskapazität (bis zum 100-fachen ihres Eigengewichts) auf und sind darüber hinaus in der Lage, potenzielle Wundinhibitoren (z. B. Proteasen wie MMP2 und Elastase oder Mikroorganismen) im Verband zu binden. Ihr Wirkungsmechanismus umfasst die Absorption, die Sequestrierung (Bindung), die Retention und schließlich die Entfernung von Hemmfaktoren. Die Auswahl einer geeigneten Wundauflage kann daher die Wundheilung verbessern bzw. dazu beitragen, dass Hochrisikowunden nicht chronisch werden.
Zur Herstellung einer Wund-Balance sollten praktische Maßnahmen ergriffen werden, die heilungshemmende Faktoren reduzieren und „Heilungsfaktoren“ erhöhen, damit die Wundheilung fortschreiten kann.
Der patientenzentrierte Ansatz
Zu einer umfassenden Wundbeurteilung gehört nicht nur die Untersuchung der Wunde, sondern auch eine ganzheitliche Berücksichtigung der Gesamtsituation der behandelten Person.
Die Faktoren, die sich auf die Heilung und das Wohlbefinden der Patienten auswirken, lassen sich dabei allgemein einteilen in:
- Intrinsische Faktoren
Im Zusammenhang mit der behandelten Person und ihrer Gesundheit. - Extrinsische Faktoren
Äußere Faktoren, wie Rahmenbedingungen und die Art der Versorgung.
Es gibt konkrete Faktoren im Zusammenhang mit Wunden (z. B. auslaufendes Exsudat, Geruch), die sich negativ auf die behandelte Person auswirken können und behandelt werden müssen, sowie Faktoren wie Schmerzen, Mobilität und der Grad der Fähigkeit, Alltagsaktivitäten nachzugehen.
Eine maßgeschneiderte Versorgung muss daher ein Gleichgewicht zwischen den individuellen Bedürfnissen und Erwartungen der Patientinnen und Patienten und den physiologischen Heilungsfaktoren herstellen. Jeder Patient hat dabei aber andere Prioritäten, sodass es sich empfiehlt, vor Beginn der Behandlung am besten direkte Fragen zu stellen, um diese Prioritäten zu ermitteln, Ziele zu definieren, Bedenken herauszufinden und mögliche Fragen im Vorfeld zu beantworten.
Ein klares Gespräch mit der behandelten Person und die Einschätzung ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur Mitarbeit tragen dazu bei, die Wirksamkeit der Behandlung zu maximieren, vor allem bei Langzeitbehandlungen. Neben der behandelten Person sollten auch ihre Angehörigen und informelle Pflegepersonen wie z.B. pflegende Angehörige berücksichtigt werden.
Vertrauen ist anschließend der Schlüssel zur Beziehung zwischen behandelter Person und medizinischer Fachkraft. Eine klare und respektvolle Kommunikation trägt dazu bei, dieses Vertrauen aufzubauen. Eine effektive Kommunikation fördert auch eine konsistente Behandlung, was für die Patienten erwiesenermaßen wichtig ist.

Und nicht zuletzt trägt die Schaffung einer freundlichen und beruhigenden Atmosphäre dazu bei, der behandelten Person die Angst zu nehmen und ihre Kooperationsbereitschaft zu erhöhen.