Operationswunde

Vielfältige Ansätze mit zahlreichen, mitunter voneinander abweichenden Strategien

Wie wird diese Maßnahme in Leitlinien berücksichtigt?

An illustration of a covered wound on a shoulder
Definition des Begriffs „Operationswunde“ durch die WHO:

Eine Wunde, die durch einen Schnitt mit einem Skalpell oder einem anderen scharfen Instrument entsteht und anschließend im Operationssaal durch Naht, mit Klammern, Wundnahtstreifen oder Nahtkleber verschlossen wird, um die Wundränder zusammenzufügen.1

Das Management von Operationswunden ist komplex. Es beginnt mit der Inzision und endet mit der kontinuierlichen Versorgung bis zum Wundverschluss. Der Übersichtlichkeit halber beschränken wir uns auf die Punkte Wunddesinfektion, Wundverschluss, Wundauflagen und einige andere Punkte aus den Richtlinien. Die Maßnahmen der chirurgischen Wundversorgung und Wunddrainage werden separat behandelt.

Leitlinien​

Wunddesinfektion
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC2

„Keine antimikrobiellen Mittel (wie Salben, Lösungen oder Puder) zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen auf die chirurgische Inzision auftragen.“

„Die Evidenz aus randomisierten, kontrollierten Studien war nicht ausreichend, um das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden einer wiederholten Anwendung antiseptischer Mittel auf der Haut von Patienten unmittelbar vor dem Schließen der chirurgischen Inzision zur Vorbeugung von Wundinfektionen zu bewerten.“

Kategorie IB,

Ungelöstes Problem

WHO1

„Das Gremium schlägt vor, die Verwendung von Wundschutzvorrichtungen bei bedingt sauber-kontaminierten Regionen und verunreinigten abdominalen chirurgischen Eingriffen zu erwägen, um die Rate postoperativer Wundinfektionen zu reduzieren.“

„Das Gremium schlägt die prophylaktische Anwendung der Unterdruck-Wundtherapie bei Erwachsenen auf primär verschlossenen Inzisionen mit hohem Risiko zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen vor, wobei verfügbare Ressourcen zu berücksichtigen sind.“

„Das Gremium merkt an, dass nach der Vorbereitung der Haut des Operationsgebiets keine antimikrobiellen Versiegelungen zum Reduzieren von postoperativen Wundinfektionen verwendet werden sollten.“Eingeschränkte Empfehlung, sehr geringe Evidenzqualität

Eingeschränkte Empfehlung, sehr geringe Evidenzqualität
„Das Gremium merkt an, dass eine antibiotische Versorgung der Inzisionswunde vor dem Wundverschluss nicht zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen eingesetzt werden sollte.“Eingeschränkte Empfehlung, geringe Evidenzqualität
NICE3

Antiseptika oder Antibiotika nur im Rahmen klinischer Studien vor dem Wundverschluss auf Wunden auftragen.“

„Zur Wundreinigung bis zu 48 Stunden nach der Operation sterile Kochsalzlösung verwenden.“

„Nach 48 Stunden Leitungswasser zur Wundreinigung verwenden, wenn sich die Operationswunde von allein geöffnet hat oder chirurgisch geöffnet wurde, um Eiter abzuleiten.“

„Bei primär heilenden Operationswunden keine topischen antimikrobiellen Mittel verwenden, um das Risiko einer postoperativen Wundinfektion zu verringern.“

„Zur Behandlung von sekundär heilenden Operationswunden kein Eusol und keinen Mull oder feuchten Baumwollmull oder quecksilberhaltige Antiseptika verwenden.“ -

-
KRINKO4--

Wundverschluss
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC2,5„Verzögerten primären Hautverschluss anwenden oder die Inzision offen lassen, damit sie sekundär heilen kann, wenn die Operationsstelle nach Ansicht des Chirurgen stark kontaminiert ist (z. B. Klasse III und IV).“ (IB)”5
„Zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen die Verwendung von mit Triclosan beschichtetem Nahtmaterial in Erwägung ziehen.“2
Kategorie IB
Kategorie II
WHO1„Das Panel schlägt unabhängig von der Art der Operation die Verwendung von mit Triclosan beschichtetem Nahtmaterial zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen vor.“Eingeschränkte Empfehlung, moderate Evidenzqualität
NICE4„Bei Verwendung von Nahtmaterial antimikrobielles, mit Triclosan beschichtetes Nahtmaterial in Erwägung ziehen, insbesondere bei pädiatrischen Eingriffen, um das Risiko von postoperativen Wundinfektionen zu verringern.“
„Nach einem Kaiserschnitt die Haut ggf. mit Nähten statt mit Klammern verschließen, um das Risiko einer oberflächlichen Wunddehiszenz zu verringern.“
-
KRINKO5Antiseptisch beschichtetes Nahtmaterial hat nur bei sehr hohen Ausgangs-SSI-Raten, bei Operationen der Kontaminationsklassen III und IV sowie bei multimorbiden Patienten einen die Infektionsgefahr reduzierenden Effekt.Kategorie II

Verbände und Wundauflagen
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC2,5

„In randomisierten, kontrollierten Studien konnte keine klare Aussage über das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden von antimikrobiellen Wundauflagen getroffen werden, die im Operationssaal zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen nach dem primären Verschluss auf chirurgische Inzisionen aufgebracht werden.“2

Ungelöstes Problem

„Eine primär verschlossene Inzision 24 bis 48 Stunden nach der Operation mit einem sterilen Verband schützen.“5
„Vor und nach dem Verbandwechsel und nach jedem Kontakt mit der Operationsstelle die Hände waschen.“5
Kategorie IB
„Zum Verbandwechsel bei Inzisionen eine sterile Technik anwenden.“5Kategorie II
„Es gibt keine Empfehlung, eine primär geschlossene Inzision über 48 Stunden hinaus abzudecken, und auch keine Empfehlung bezüglich des Zeitpunkts, wann man mit einer unbedeckten Inzision wieder duschen oder baden darf.“5
Ungelöstes Problem
WHO1„Das Gremium schlägt vor, zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen bei primär geschlossenen Operationswunden über einer Standardauflage keine moderne Wundauflagen zu verwenden.“Eingeschränkte Empfehlung, geringe EvidenzqualitätEingeschränkte Empfehlung, geringe Evidenzqualität
NICE4„Chirurgische Inzisionen am Ende der Operation mit einem geeigneten interaktiven Verband abdecken.“
„Zum Wechseln oder Entfernen von Verbänden bei Operationswunden eine aseptische, berührungsfreie Technik anwenden.“
„Zur Behandlung von sekundär heilenden Operationswunden einen geeigneten interaktiven Verband verwenden.“
„Empfehlungen für geeignete Wundauflagen für sekundär heilende Operationswunden bei einer Fachkraft für Wundversorgung (oder einer anderen medizinischen Fachkraft mit entsprechenden Fachkenntnissen) erfragen.“
KRINKO5Die OP-Wunde am Ende der Operation mit einer sterilen Wundauflage abdecken. Den ersten Verbandwechsel nach etwa 48 Stunden durchführen, sofern nicht Hinweise auf eine Komplikation zu einem früheren Verbandwechsel Anlass geben.
Kategorie IB
Ist danach die Wunde trocken und verschlossen, kann unter hygienischen Aspekten auf eine erneute sterile Wundabdeckung verzichtet werden
Verbandwechsel oder die Entfernung von Nahtmaterial bzw. von Drainagen mit Verbandwagen oder mit Tablettsystem durchführen. Die Benutzung unterschiedlicher Verbandwagen für aseptische und infizierte Wunden ist nicht erforderlich – entscheidend ist, den Wagen grundsätzlich vor Kontamination zu schützen. Im Übrigen sind bei diesen Manipulationen die Regeln der Basishygiene einzuhalten.Kategorie II

Andere
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC2,5„Patienten und Angehörige über die richtige Versorgung von Inzisionen, die Symptome von postoperativen Wundinfektionen und die Notwendigkeit der Meldung solcher Symptome aufklären.“5
Kategorie II
WHO1--
NICE4„Patienten und Pflegepersonen Informationen und Ratschläge zur Wundversorgung nach der Entlassung geben.“
„Einen strukturierten Ansatz für die Versorgung verwenden, um das gesamte Management von Operationswunden zu verbessern. Dazu sollten präoperative Untersuchungen gehören, um Menschen mit potenziellen Wundheilungsproblemen zu identifizieren. Um dies zu unterstützen, ist eine bessere Ausbildung des Gesundheitspersonals, eine bessere Aufklärung der Patienten und der Pflegepersonen sowie ein Austausch von klinischem Fachwissen erforderlich.“
-
KRINKO5Auf die Wahl zwischen Elektrokauter und Skalpell haben infektionspräventive Überlegungen keinen Einfluss.
Die regelmäßige ärztliche Inspektion der Wunde ist Teil einer vollständigen und sachgerechten Nachsorge.
Kategorie II

HARTMANN:​

Portrait von Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
„Operationswunden sind kritische Eintrittspunkte für postoperative Wundinfektionen und verdienen daher besondere Aufmerksamkeit.“

Zusammenfassung der Empfehlungen

icon of a drop

Wunddesinfektion:

  • Verwenden Sie nach der Vorbereitung der Haut keine antimikrobiellen Versiegelungen.1

  • Setzen Sie zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen keine antibiotische Versorgung der Inzisionswunde ein.1


icon of arrow in circle

Wundverschluss:
Ziehen Sie zum Wundverschluss die Verwendung von mit Triclosan beschichtetem Nahtmaterial in Erwägung.1,3,4

icon of layers

Verbände und Wundauflagen:

  • Decken Sie chirurgische Inzisionen mit einer sterilen Wundauflage ab.1,2,5

  • Wenden Sie zum Wechseln oder Entfernen von Verbänden eine sterile, berührungsfreie Technik an.2,4

  • Es wird nicht routinemäßig empfohlen, Verbände und Wundauflagen länger als 48 Stunden auf der Wunde zu belassen.2

icon of arrows right

Sonstiges:

  • Ziehen Sie bei Wunden mit hohem Risiko zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen die Verwendung von Wundschutzvorrichtungen oder die prophylaktische Anwendung der Unterdruck-Wundtherapie in Erwägung.1

  • Als Teil einer vollständigen und sachgerechten Nachsorge sollte die Wunde regelmäßig ärztlich inspiziert werden.5

  • Informieren und klären Sie Patienten und Pflegepersonen über die angemessene Wundversorgung auf.2,4

  • Verwenden Sie einen strukturierten Ansatz, um das Management von Operationswunden zu verbessern.4

Klassifizierung von Operationswunden4​

  • Sauber bzw. aseptisch: eine Inzision im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs, bei dem keine Entzündung auftritt, die sterile Technik nicht unterbrochen wird, und Respirations-, Verdauungs- oder Urogenitaltrakt nicht eröffnet werden.“

  • Sauber-kontaminiert bzw. bedingt aseptisch: eine Inzision, bei der Respirations-, Verdauungs- oder Urogenitaltrakt kontrolliert eröffnet werden, ohne dass es zu einer Kontamination kommt.“

  • Kontaminiert: eine Inzision im Rahmen einer Operation, bei der ein wesentlicher Bruch der Sterilität erfolgt oder eine starke Verunreinigung durch Darminhalt auftritt, oder eine Inzision, bei der eine akute, nicht eitrige Entzündung auftritt. Auch offene traumatische Wunden, die mehr als 12 bis 24 Stunden alt sind, gehören in diese Kategorie.“

  • Schmutzig bzw. manifest infiziert: eine Inzision im Rahmen einer Operation, bei der die Eingeweide perforiert wurden oder eine akute eitrige Entzündung auftritt (z.B. bei einer Notoperation wegen einer Bauchfellentzündung), und traumatische Wunden, wenn sich die Behandlung verzögert, eine Kontamination mit Fäkalien vorliegt oder devitalisiertes Gewebe vorhanden ist.“

Rat von HARTMANN:

Behandlung nach sichtbarem Zustand und T.I.M.E.-Prinzip (T.I.M.E. = Tissue, Inflammation, Moisture, Edges – Gewebe, Entzündung, Feuchtigkeit, Wundränder). Eigenschaften der Wunde und des umliegenden Gewebes sorgfältig beurteilen und dokumentieren. Auf der Grundlage der Wundbeurteilung die passende Wundauflage wählen.

  1. WHO (2018) Global guidelines for the prevention of surgical site infection. World Health Organization 2018.
  2. Berrios-Torres SI, et al. (2017) Centers of Disease Control and Prevention Guideline for the Prevention of Surgical Site Infection, 2017. JAMA Surg 152(8): 784–791.
  3. NICE (2020) Surgical site infections: prevention and treatment. NICE guidelines. Published: 11 April 2019. Last updated:19 August 2020. www.nice.org.uk/guidance/ng125.
  4. KRINKO (2018) Prävention postoperativer Wundinfektionen. Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl 61: 448–473.
  5. CDC (1999) Guideline for Prevention of Surgical Site Infection. Infect Control Hosp Epidemiol. 20(4): 247–278.
  6. https://www.who.int/infection-prevention/publications/ipc-cc-mis.pdf

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