Perioperative Antibiotikaprophylaxe (PAP)

Eine intensiv untersuchte Maßnahme

Wie und wann kann eine PAP postoperative Wundinfektionen verhindern?

„Unter PAP versteht man die Prävention infektiöser Komplikationen durch die Verabreichung eines wirksamen Antibiotikums, bevor der Patient während der Operation einer Kontamination ausgesetzt ist.“1

„Damit die PAP erfolgreich ist, muss das Antibiotikum in einer wirksamen Konzentration an der Operationsstelle verabreicht werden, bevor es zu einer Kontamination kommt.“1

„Der Nutzen der routinemäßigen Anwendung einer PAP vor Eingriffen in kontaminierter Region oder vor Implantationen zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen ist seit Langem anerkannt.“1

Leitlinien

Leitlinien
LeitlinienEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC2„Präoperative Antibiotika nur dann verabreichen, wenn dies auf Grundlage veröffentlichter Leitlinien für die klinische Praxis angezeigt ist, und sie zeitlich so verabreichen, dass eine bakterizide Konzentration der Wirkstoffe im Serum und im Gewebe erreicht ist, wenn die Inzision vorgenommen wird.“ Kategorie IB; starke Empfehlung; akzeptierte Praxis
„Eine genauere Eingrenzung des Zeitpunkts für die präoperative Antibiotikagabe ist auf der Grundlage der klinischen Ergebnisse nicht möglich.“ Keine Empfehlung; ungelöstes Problem
„Bei allen Kaiserschnittoperationen vor der Inzision geeignete parenterale Antibiotika prophylaktisch verabreichen.“

Kategorie IA; starke Empfehlung; hohe Evidenzqualität

„Bei der Literaturrecherche wurden keine randomisierten, kontrollierten Studien gefunden, in denen Nutzen und Schaden einer gewichtsadaptierten parenteralen Antibiotikaprophylaxe und deren Auswirkung auf das Risiko für postoperative Wundinfektionen untersucht wurde. Andere Organisationen haben Empfehlungen auf der Grundlage von Beobachtungsdaten und pharmakokinetischen Daten ausgesprochen. Eine Zusammenfassung dieser Empfehlungen finden Sie im Abschnitt ,Andere Leitlinien’ der Zusammenfassung zu dieser Frage.“ Keine Empfehlung; ungelöstes Problem
„Bei der Suche wurde keine ausreichende Evidenz aus randomisierten, kontrollierten Studien gefunden, um Nutzen und Schaden einer intraoperativen Nachdosierung der parenteralen Antibiotikaprophylaxe zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen zu bewerten. Andere Organisationen haben Empfehlungen auf der Grundlage von Beobachtungsdaten und pharmakokinetischen Daten ausgesprochen. Eine Zusammenfassung dieser Empfehlungen finden Sie im Abschnitt ,Andere Leitlinien’ der Zusammenfassung zu dieser Frage.“ Keine Empfehlung; ungelöstes Problem
„Bei Eingriffen in nicht kontaminierten und sauberkontaminierten Regionen keine zusätzlichen Dosen der Antibiotikaprophylaxe verabreichen, nachdem die chirurgische Inzision im Operationssaal geschlossen wurde – auch wenn eine Drainage gelegt wurde.“ Kategorie IA; starke Empfehlung; hohe Evidenzqualität
WHO1„Das Gremium empfiehlt die Durchführung der PAP vor der chirurgischen Inzision, wenn dies indiziert ist (abhängig von der Art der Operation).“ Starke Empfehlung; geringe Evidenzqualität
„Das Gremium empfiehlt die Durchführung der PAP innerhalb von 120 Minuten vor der Inzision, wobei die Halbwertszeit des Antibiotikums zu berücksichtigen ist.“ Starke Empfehlung; moderate Evidenzqualität
„Das Gremium schlägt vor, präoperative orale Antibiotika in Kombination mit einer mechanischen Darmreinigung einzusetzen, um das Risiko von postoperativen Wundinfektionen bei erwachsenen Patienten, die sich einer elektiven kolorektalen Operation unterziehen, zu verringern.“ Eingeschränkte Empfehlung; moderate Evidenzqualität
NICE3

„Eine Antibiotikaprophylaxe ist vor folgenden Eingriffen durchzuführen:

  • Eingriffe in nicht kontaminierter Region zum Einsetzen von Prothesen oder Implantaten
  • Sauberkontaminierte Eingriffe
  • Eingriffe in kontaminierter Region“
-
“„Die Antibiotikaprophylaxe nicht routinemäßig bei nicht-prothetischen, unkomplizierten Operationen in nicht kontaminierter Region anwenden.“ -
„Lokale Antibiotika-Formel verwenden und bei der Auswahl spezifischer Antibiotika für die Prophylaxe immer die möglichen Nebenwirkungen berücksichtigen.“ -
„Die intravenöse Gabe einer Einzeldosis der Antibiotikaprophylaxe kann bei Einleiten der Narkose erwogen werden. Bei Operationen, bei denen ein Tourniquet verwendet wird, ist die Prophylaxe jedoch früher durchzuführen.“ -
„Vor Verabreichung der Antibiotikaprophylaxe den Zeitpunkt und die Pharmakokinetik (z. B. die Halbwertszeit im Serum) sowie die notwendige Infusionszeit des Antibiotikums berücksichtigen. Eine weitere Dosis der Antibiotikaprophylaxe verabreichen, wenn die Operation länger dauert als die Halbwertszeit des verabreichten Antibiotikums.“ -
„Patienten mit manifest infizierten Wunden zusätzlich zur Prophylaxe eine Antibiotikabehandlung verabreichen.“ -
„Patienten, wann immer möglich, vor dem Eingriff darüber informieren, ob sie eine Antibiotikaprophylaxe benötigen, und nach dem Eingriff informieren, falls sie während der OP Antibiotika erhalten haben.“ -
KRINKO4Die Kommission empfiehlt, die Indikation zu einer systemischen antibiotischen Prophylaxe eingriffsspezifisch zu stellen. Kategorie IA
Mehrfachdosierungen während der Operation ausschließlich bei sehr lang dauernden Operationen vornehmen. Kategorie IA
Auf eine verlängerte Antibiotikagabe nach OP-Ende verzichten.
Kategorie IA

HARTMANN:​

Portrait von Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
„Die Antibiotikaprophylaxe ist und bleibt ein Aspekt, der aufgrund der möglichen Entwicklung einer Antibiotikaresistenz sorgfältig abzuwägen ist. Ein Grund mehr, neue Ansätze wie die antimikrobielle Wundspülung in Betracht zu ziehen.“

Zusammenfassung der Empfehlungen

Folgende Fragen sind vorab zu klären

  • Ist eine Antibiotikabehandlung für diese Art der Operation indiziert?1–4

  • Was sind die pharmakokinetischen Eigenschaften/die Halbwertszeit des Antibiotikums?1,3

  • Welche Nebenwirkungen sind möglich?3

Wann ist eine Antibiotikaprophylaxe anzuwenden?3

  • Eingriffe in nicht kontaminierter Region zum Einsetzen von Prothesen oder Implantaten

  • Sauberkontaminierte Eingriffe

  • Eingriffe in kontaminierter Region

Wann ist keine Antibiotikaprophylaxe anzuwenden?3

  • Bei nicht-prothetischen, unkomplizierten Operationen in nicht kontaminierter Region

Anwendung der Antibiotikaprophylaxe

  • Eine Einzeldosis der Antibiotikaprophylaxe vor Einleiten der Narkose verabreichen3

  • Die Antibiotikaprophylaxe rechtzeitig vor der Inzision verabreichen, damit eine bakterizide Konzentration im Gewebe erreicht wird1,2 (innerhalb von 120 Minuten vor der Inzision1)

  • Nur bei längeren Operationen nachdosieren3,4

Einfluss der PAP auf das Risiko für postoperative Wundinfektionen4

Ein erheblicher Einfluss besteht insbesondere bei hohen bis sehr hohen Erstinfektionsraten

  • Patienten mit hohem Risiko

  • Orthopädischen Eingriffen mit Dauer-Implantaten

  • Behandlungen von Frakturen der Röhrenknochen

  • Brustoperationen

Indikationen für die PAP4

Unter anderem gelten folgende Indikationen für eine PAP als sicher:

  • Risiko einer intraoperativen Kontamination mit anschließender postoperativer Wundinfektion aufgrund einer hohen Keimbelastung im Operationsgebiet (in der Regel bei Vorliegen der Wundklassifikationen sauber-kontaminiert, kontaminiert und manifest infiziert)
  • Eingriffe in nicht kontaminierter Region mit einem zusätzlichen Risikofaktor wie Notfalloperationen, Osteosynthese, Wirbelsäulenchirurgie, offene Reposition und interne Fixierung von Frakturen, risikoreiche Operationen, Operationen an großen Gelenken, Einsetzen von Gefäß- und Gelenkimplantaten, Herzklappen und anderen alloplastischen Materialien sowie Ersatz bestehender Implantate wie Endoprothesen, künstliche Herzklappen usw., Behandlung von offenen Frakturen
  • Eingriffe in nicht kontaminierter Region mit einem Infektionsrisiko aufgrund der patientenbezogenen Risikofaktoren und infolge einer erheblichen Morbidität, z. B. Operationen bei immungeschwächten Patienten, Patienten mit schweren Grunderkrankungen, Patienten mit hohem ASA-Score, Vorbestrahlung, Hypothermie
Alle aufgeführten Inhalte und Empfehlungen sind als Auszüge aus der Originalliteratur zu betrachten und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Literatur:
  1. WHO (2018) Global guidelines for the prevention of surgical site infection. World Health Organization 2018.
  2. Berrios-Torres SI, et al. (2017) Centers of Disease Control and Prevention Guideline for the Prevention of Surgical Site Infection, 2017. JAMA Surg 152(8): 784–791.
  3. NICE (2020) Surgical site infections: prevention and treatment. NICE guidelines. Veröffentlicht: 11. April 2019. Zuletzt aktualisiert: 19. August 2020. www.nice.org.uk/guidance/ng125.
  4. KRINKO (2018) Prävention postoperativer Wundinfektionen. Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl 61: 448–473.

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