Eine Ärztin mit Mundschutz, blauer OP-Kleidung und grüner OP-Haube, die sich die Hände desinfiziert.

Die Entwicklung der chirurgischen Händehygiene

Einreiben vs. Abschrubben
In Fernsehserien wie „Grey's Anatomy“ oder „Scrubs“ werden sie immer wieder gezeigt – die aufwendigen Hygienemaßverfahren, die Chirurgen unmittelbar vor einer Operation durchführen. Der Ablauf ist immer gleich. Sie betreten den Waschraum, betätigen mit dem Ellbogen Wasserhahn und Seifenspender und schrubben sich dann minutenlang die Hände und Unterarme unter fließendem Wasser ab. Doch in den letzten Jahren haben immer mehr Krankenhäuser diese Technik durch eine neue Form der chirurgischen Händehygiene ersetzt, bei der Desinfektionsmittel anstelle von medizinischer Seife verwendet wird. In diesem Artikel beschreiben wir diese Entwicklung und erklären die Unterschiede zwischen „Einreiben“ und „Abschrubben".
Seit mehr als 100 Jahren ist es gängige Praxis, dass Chirurgen und ihre Assistenzteams sich vor einer Operation gründlich die Hände reinigen, um eine möglichst sterile Arbeitsumgebung zu schaffen. Neben Gesichtsmasken, OP-Hauben, OP-Kitteln und OP-Handschuhen zählt dieses Verfahren zu den wichtigsten Maßnahmen, die vor einer Operation durchzuführen sind, um Infektionen vorzubeugen. Doch wie ist es dazu gekommen, dass die chirurgische Händehygiene zu einem so unverzichtbaren Bestandteil der Operationsvorbereitung geworden ist?

Eine kurze Geschichte der chirurgischen Händehygiene

Lassen Sie uns eine Zeitreise in die Mitte des 19. Jahrhunderts unternehmen. Zu dieser Zeit steckte die Erforschung von Keimen und Bakterien noch in den Kinderschuhen. Zwar war den Wissenschaftler der damaligen Zeit die Existenz von Mikroorganismen bewusst, doch der Zusammenhang zwischen diesen „kleinen Lebewesen“ und Infektionskrankheiten war noch unbekannt. [1]

Die Wende brachte erst Ignaz Semmelweis, der 1847 während seiner Tätigkeit an der Wiener Allgemeinen Krankenanstalt eine bedeutsame Entdeckung machte: Das Krankenhaus, in dem er arbeitete, verfügte über zwei separate Entbindungsstationen – eine, an der ausschließlich Ärzte und eine andere, an der ausschließlich Hebammen tätig waren. Aus unerklärlichen Gründen war die Sterblichkeitsrate unter den Frauen, die in der Abteilung mit den Ärzten entbunden haben, etwa doppelt so hoch wie in der Abteilung, in der nur Hebammen arbeiteten. [2]

 Bild einer Krankenschwester in einem Krankenzimmer, die Kleidung aus dem 19. Jahrhundert trägt.

Auf den Spuren von Infektionskrankheiten

Semmelweis wollte diesem Phänomen auf dem Grund gehen. Nachdem er verschiedene Hypothesen getestet hatte, fand er schnell die richtige Erklärung. Zu dieser Zeit wurden häufig Leichen zu wissenschaftlichen Zwecken seziert. Diese Tätigkeit übten die Ärzte aus, jedoch nicht die Hebammen. Und da die Ärzte nicht verpflichtet waren, sich vor operativen Eingriffen die Hände zu desinfizieren, übertrugen sie häufig gefährliche Krankheitserreger von den Leichen auf die von ihnen behandelten Wöchnerinnen. Die Folge waren Kindbettfieber und Tod.

Semmelweis schlug eine ebenso einfache wie wirksame Lösung vor: Er führte neue Hygieneregeln im Krankenhaus ein. Die behandelnden Ärzte mussten von nun an vor Untersuchungen und Eingriffen ihre Hände und Instrumente mit einer speziellen Chlorlösung desinfizieren. Bis dahin hatten sich die Ärzte, wenn überhaupt, die Hände nur mit Seife gewaschen. Diese neuen Regeln führten dazu, dass die Sterblichkeitsrate auf der „Gebärstation I“ innerhalb weniger Monate signifikant zurückging. [3]

Doch trotz des Erfolgs dieser Hygienemaßnahme dauerte es noch etwa zwei Jahrzehnte weiterer Forschungen, beispielsweise von Joseph Lister, Louis Pasteur und Robert Koch, bis der Beweis, dass Infektionskrankheiten durch Mikroorganismen hervorgerufen werden können, vollständig erbracht wurde. Erst in den 1870er Jahren wurde eine gründliche Händedesinfektion als Routinemaßnahme vor Operationen eingeführt. Obwohl sich seine Erkenntnisse erst nach seinem Tod in medizinischen Fachkreisen verbreiteten, hat Semmelweis den Grundstein für die Hygienepraxis gelegt, die heute vor Operationen selbstverständlich ist.

Die moderne chirurgische Händehygiene

 Bild eines Arztes mit Mundschutz, blauer OP-Kleidung und grüner OP-Haube, der seine behandschuhten Hände hochhält.
Wie sieht die Situation heute aus? Welche Schritte werden im modernen Gesundheitswesen im Rahmen der Vorbereitung auf eine Operation ausgeführt und was bedeuten die Begriffe „Einreiben“ und „Abschrubben“? Um die chirurgische Händedesinfektion besser zu verstehen, betrachten wir zunächst die unterschiedlichen hygienischen Händedesinfektionsmethoden.

Der Unterschied zwischen chirurgischer und hygienischer Händedesinfektion

Mehr als 150 Jahre nach Semmelweis' bahnbrechenden Erkenntnissen am Allgemeinen Krankenhaus in Wien wissen wir, dass Krankheitserreger von Ärzten und Pflegepersonal auf Patienten übertragen werden können – insbesondere über die Hände. Dies kann sowohl während der Behandlung als durch Kontakt mit der unmittelbaren Umgebung eines Patienten geschehen. Eine der wichtigsten Methoden, um Infektionsketten in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen zu unterbrechen und Krankenhausinfektionen zu vermeiden, ist die Händedesinfektion durch Ärzte und Pflegepersonal.

Es gibt zwei Arten der Händedesinfektion: die chirurgische und die hygienische Händedesinfektion. Während die chirurgische Händedesinfektion wie der Name schon sagt ausschließlich vor chirurgischen Eingriffen stattfindet, gehört die hygienische Händedesinfektion heute in beinahe allen Bereichen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zum Alltag. Laut WHO ist die hygienische Händedesinfektion in den folgenden fünf Szenarien stets verpflichtend durchzuführen:
 Bild zur Erklärung der 5 Momente der Händedesinfektion.
 Bild mit einer Krankenschwester und einem Arzt, die ihre Hände für die angemessene Zeit desinfizieren.
Somit kommt die hygienische Händedesinfektion im Klinikalltag weitaus häufiger vor als die chirurgische Händedesinfektion. Ihr Hauptziel ist es, alle Keime zu inaktivieren, die von außen auf die Haut gelangen und nicht zur natürlichen Hautflora gehören, wie z. B. schädliche Viren oder Bakterien. In der Fachsprache wird dies als Reduzierung der sogenannten transienten Flora bezeichnet. Dazu genügt es, das Desinfektionsmittel 30 Sekunden auf der Haut zu verreiben. [4]

Im Gegensatz dazu ist das Verfahren der chirurgischen Händedesinfektion viel komplexer. Da das Ziel darin besteht, sich auf die Operation im Körperinneren vorzubereiten, muss die chirurgische Händedesinfektion neben der transienten Flora auch die sogenannte residente Flora so weit wie möglich reduzieren. Diese Schicht enthält Keime, die natürlicherweise auf der Haut vorkommen und normalerweise nicht schädlich für den Organismus sind. Wenn sie jedoch während einer Operation in den Körper eines Patienten gelangen, können sie Infektionen auslösen. Um dieses Risiko zu beseitigen, muss die Desinfektion viel gründlicher sein und mindestens 1,5 Minuten dauern. [5] Wie läuft sie ab?

Die 4 Schritte der chirurgischen Händedesinfektion

Um sicherzustellen, dass alle Keime wirksam inaktiviert werden, ist das Verfahren für die chirurgische Händedesinfektion genau vorgeschrieben. Chirurgen, Ärzte und Assistenzpersonal müssen die folgenden Schritte einhalten.

  1. Händewaschen: 10 Minuten vor der ersten Händedesinfektion am Operationstag die Hände und Unterarme gründlich und sorgfältig waschen und abtrocknen (wenn mehrere Operationen an einem Tag durchgeführt werden, muss dieser Schritt nur einmal durchgeführt werden, solange die Hände nicht schmutzig werden).
  2. Hände und Unterarme mit Desinfektionsmittel benetzen: Den Hebel des Spenders mit dem Ellbogen betätigen und beide Hände und Unterarme mit ausreichend Händedesinfektionsmittel benetzen.
  3. Hände und Unterarme mit Desinfektionsmittel einreiben: Dann die Hände und Unterarme einreiben und während der gesamten Einwirkzeit von 1,5 Minuten feucht halten. Bei Bedarf immer wieder neues Händedesinfektionsmittel aufbringen.
  4. Trocknen: Hände und Unterarme an der Luft trocknen lassen, bevor die OP-Handschuhe angezogen werden.
 Bild, das verschiedenen Arten der Händedesinfektion zeigt.

„Einreiben“ vs. „Abschrubben“

Bild, das die Händedesinfektion mit Sterillium® im Vergleich zur Händedesinfektion mit Seife zeigt.

Schritt 2 und 3 der obigen Anweisungen sind erst in den letzten Jahren zur gängigen Praxis geworden und spiegeln den Übergang von „Abschrubben“ zu „Einreiben“ wider. Früher wurde keine Desinfektionsmittel zur Vorbereitung auf eine Operation verwendet, sondern man wusch sich die Hände mit Wasser und antimikrobieller Seife, die hauptsächlich die Wirkstoffe Chlorhexidin oder Jod enthielt (chirurgisches Abschrubben). Zu diesem Zweck wurden spezielle Schwämme verwendet, mit denen sich die Chirurgen und ihr Team mehrere Minuten lang unter fließendem Wasser die Hände abschrubbten. [6]

Der Nachteil dieser Technik bestand darin, dass häufiges Waschen mit Wasser und Seife in Kombination mit intensivem Schrubben über mehrere Minuten zu Hautreizungen und sogar Entzündungen führen kann. Darüber hinaus werden die Hände durch häufiges Waschen mit Wasser und Seife spröde und rissig, wodurch Viren und Bakterien schwerer abzutöten sind. In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Krankenhäuser alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel („Verwendung durch Einreiben“) eingeführt, die die Haut weniger reizen. Die rückfettenden Substanzen in Produkten wie Sterillium®* [7] helfen der Haut, ihren natürlichen Schutzmantel zu erhalten oder sogar wieder aufzubauen. [8]

Doch nicht nur die bessere Hautverträglichkeit spricht für „Einreiben“ statt „Abschrubben“: In verschiedenen Studien wurde außerdem nachgewiesen, dass alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel die auf der Haut befindlichen Viren und Bakterien wirksamer inaktivieren als herkömmliche antimikrobielle Seife. Insbesondere bei der langfristigen Reduzierung von Krankheitserregern auf der Haut zeigen Desinfektionsmittel eine größere Wirkung. [9,10] Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die moderne „Einreib“-Technik erheblich weniger Zeit in Anspruch nimmt als das minutenlange Waschen der Hände mit Wasser und Seife.

Obwohl Handschuhe getragen werden, ist die Händedesinfektion unerlässlich.

Doch warum überhaupt desinfizieren, wenn die Chirurgen und das OP-Personal ohnehin Handschuhe tragen? Die Frage ist berechtigt, da moderne OP-Handschuhe die Übertragung potenziell gefährlicher Krankheitserreger sehr wirksam verhindern. Sie bieten daher einen guten Schutz vor postoperativen Infektionen.

Doch verschiedene Studien haben gezeigt, dass OP-Handschuhe bei bis zu 40 % der Eingriffe perforieren. In der Folge können Krankheitserreger über die Wunde in den Körper des Patienten gelangen. [11] Daher ist auch bei Verwendung von Handschuhen eine gründliche chirurgische Händedesinfektion im Rahmen der OP-Vorbereitung unerlässlich.

 Bild einer Lupe, die Bakterien auf einer Handfläche zeigt.

Quellen:

[1] National Geographic / “Wash your hands” was once controversial medical advice https://www.nationalgeographic.com/history/article/handwashing-once-controversial-medical-advice

[2] National Geographic / “Wash your hands” was once controversial medical advice https://www.nationalgeographic.com/history/article/handwashing-once-controversial-medical-advice

[3] National Geographic / “Wash your hands” was once controversial medical advice https://www.nationalgeographic.com/history/article/handwashing-once-controversial-medical-advice

[4] KRINKO (2016) Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens, Bundesgesundheitsbl. 59: 1189-1220 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Haendehyg_Rili.pdf%3F__blob%3DpublicationFile

[5] KRINKO (2016) Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens, Bundesgesundheitsbl. 59: 1189-1220 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Haendehyg_Rili.pdf%3F__blob%3DpublicationFile

[6] A.F. Widmer / Surgical hand hygiene: scrub or rub? https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23453175/#:~:text=In%20the%20past%2C%20washing%20hands,less%20time%20than%20washing%20hands.

[7] Angaben unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten (z. B. Werberecht, Produktstatus, CLP-Kennzeichnung) anpassen. Biozid-Pflichttexte Artikel 72 von EU/528/2012: Desinfektionsmittel vorsichtig verwenden. Vor Gebrauch stets Etikett und Produktinformationen lesen.

[8]IHO.de/ Händehygiene – So wird's richtig gemacht! https://www.iho.de/aktuell/haendehygiene-so-wirds-richtig-gemacht/

[9] Carlos Martin-Villa et al. / Comparing rubbing and scrubbing surgical hand antisepsis with propan-1-ol 60% in accordance with European regulation UNE-EN 12791:2016+A1:2018 https://www.cambridge.org/core/journals/infection-control-and-hospital-epidemiology/article/abs/comparing-rubbing-and-scrubbing-surgical-hand-antisepsis-with-propan1ol-60-in-accordance-with-european-regulation-uneen-127912016a12018/217EEE0AB494140497D918B4F93D54E0

[10] Suzan AMA Kareeem / Alcohol Based Handrub versus Traditional Hand Scrub as Surgical Hand Disinfection in a Tertiary Eye Teaching Hospital in Iraq https://www.longdom.org/open-access-pdfs/alcohol-based-handrub-versus-traditional-hand-scrub-as-surgical-hand-disinfection-2155-9570.1000340.pdf

[11] KRINKO (2016) Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens, Bundesgesundheitsbl. 59: 1189-1220 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Haendehyg_Rili.pdf%3F__blob%3DpublicationFile


*Bitte gemäß den örtlichen Vorschriften (z. B. Heilmittelwerbegesetz, Produktstatus, CLP-Kennzeichnung) ändern.

Biozid-Pflichttexte
Artikel 72 von EU/528/2012: Desinfektionsmittel vorsichtig verwenden.
Vor Gebrauch stets Etikett und Produktinformationen lesen.

„HWG“-Pflichttexte, alternativ auch im Website-Footer.