Pflegekraft beugt sich über die Schulter einer im Rollstuhl sitzenden Seniorin | PHI24_08

Kompressionstherapie:
Material und Methoden

Die Wirksamkeit der Kompression des Beines bei Venenleiden ist wissenschaftlich hinreichend belegt. Dennoch gilt der Kompressionsverband als vernachlässigte und unbeliebte Therapie [2]. Basiswissen über die Wirkungsweise verschiedener Kompressions­materialien soll dazu beitragen, das Anlegen von Kompressionsverbänden zu erleichtern.
von der HARTMANN Online-Redation

Kontraindikationen beachten!

Vorsicht ist vor allem bei älteren Venen- und Ulkuspatienten mit Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislaufkrankheiten, fortgeschrittenen arteriellen Durchblutungsstörungen (pAVK im Stadium III-IV nach Fontaine oder Knöchelarteriendruck unter 70 mmHg) oder Diabetes mellitus geboten [7]. Der Grund hierfür: Die Kompressionstherapie wirkt nicht nur auf die Venen, sondern auch auf die Arterien und das umliegende Gewebe. Zudem kann es durch die mitunter erheblichen Ödemausschwemmungen zu Reaktionen im gesamten Kreislauf kommen. Dies belegt zum einen die hohe Wirksamkeit der Kompressionstherapie, kann zum anderen aber auch Komplikationen mit sich bringen [1].

Wichtiger Hinweis: Um Schaden durch eine nicht angezeigte Kompressionstherapie vom Patienten abzuwenden, ist die Behandlung eines Unterschenkelgeschwürs (Ulcus cruris) ohne Kenntnis der Durchblutungssituation in den arteriellen Unterschenkelgefäßen nicht zu verantworten. Die Ermittlung des Knöchel-Arm-Index (engl. ankle-brachial-pressure-index = ABPI oder kurz ABI) ist deshalb unverzichtbar [9].

Etwas Physik zum PKV

Die Wirksamkeit des Kompressionsverbands hängt entscheidend von den physikalischen Eigenschaften des eingesetzten Bindenmaterials ab, weshalb gute Materialkenntnisse viel zum Therapieerfolg beitragen [3].

Je nach dem klinischen Bild ist für komprimierende Verbände Bindenmaterial mit unterschiedlichem Kraft-Dehnungsverhalten erforderlich, das als Arbeitsdruck und Ruhedruck definiert wird [3].

Mit Arbeitsdruck wird der Widerstand bezeichnet, den der PKV der Muskulatur bei Bewegung entgegensetzen kann. Je unnachgiebiger die zur Anwendung kommende Kompressionsbinde ist, umso höher wird der Arbeitsdruck sein, der nach innen auf die Venen wirkt. Der Arbeitsdruck wird deshalb immer an der bewegten Muskulatur gemessen [3]. Hinweis: Dies erklärt auch, warum der Kompressionsverband seine volle Wirksamkeit erst bei Bewegung erlangt.

Unter Ruhedruck ist der Druck zu verstehen, den der PKV auch dann noch auf das Hautgewebe ausübt, wenn die Muskulatur nicht bewegt wird. Je elastischer eine Kompressionsbinde ist, umso höher wird der Ruhedruck sein, weil hochelastisches Material das Bestreben hat, sich bei Entlastung im Ruhezustand zusammenzuziehen. Der Ruhedruck wird am unbewegten Bein gemessen [9].

Die Konsequenzen daraus

Ausreichend therapeutische Effekte lassen sich am ehesten durch hohe Arbeitsdrücke bei Bewegung erreichen [3]. Deshalb werden in der phlebologischen Therapie Kurzzugmaterialien bevorzugt, da diese den Therapieanforderungen am besten gerecht werden. Durch den rhythmischen Wechsel von sehr hohem und niedrigem Kompressionsdruck wirken die Druckspitzen bei Muskelkontraktion (Anspannung) bis in die Tiefe, während bei Muskelrelaxation (Entspannung) die nutritiven, der Ernährung dienenden Gefäßbereiche der Endstrombahn entlastet werden [3].

Dagegen stehen die Blutgefäße bei Verbänden mit relativ niedrigem Arbeits- und hohem Ruhedruck unter einem konstanten Dauerdruck, dessen Wirkung auf die Oberfläche beschränkt bleibt. Bei Abnahme eines solchen Verbandes ergießt sich zudem das Blut in die entlasteten Gefäße. Es entsteht ein starker Juckreiz, der für den Patienten nicht nur unangenehm, sondern sehr belastend ist.

Druckverhalten einzelner Bindentypen

Zinkleimbinden ergeben im angelegten Zustand halbstarre, unnachgiebige Verbände. Durch das Fehlen jeglicher Elastizität können sie der tätigen Muskulatur von allen Verbandmaterialien den größten Widerstand entgegensetzen und entfalten so einen intensiven Arbeitsdruck, der die tiefen, subfaszialen Venenbereiche erfasst und rasch entstauend wirkt [3].

Der Zinkleimverband ist deshalb unentbehrlich zur schnellen Entstauung eines geschwollenen Beines und zur Beseitigung hartnäckiger Ödeme vor allem am Fußrücken, die einer Behandlung mit Wechselverbänden aus Kurzzugbinden oder Dauerverbänden aus Pflasterbinden trotzen [3].

Kurzzugbinden sind durch eine relativ geringe Dehnbarkeit gekennzeichnet, die im Verband eine straffe Kompression mit hohem Arbeitsdruck und niedrigem Ruhedruck bewirkt. Der hohe Arbeitsdruck reicht noch aus, um auch die tiefen Venenbereiche therapeutisch zu beeinflussen, wenngleich sie nicht die hohe Effizienz von Zinkleimverbänden erbringen. Ihr besonderer Vorteil liegt jedoch darin, dass sie sich Veränderungen des Beinumfanges besser anpassen und im Falle täglich notwendiger Wundbehandlung leichter zu wechseln sind [3].

Verbände mit Kurzzugbinden eignen sich für alle Formen der chronisch venösen Insuffizienz (CVI) und sind das Mittel der Wahl zur Einleitung der Behandlung oder deren Fortführung bis zur vollständigen Entstauung und Epithelisierung eines Ulkus [3].

Kurzzugbinden stehen in unterschiedlicher textiltechnologischer Ausführung zur Verfügung. Ihre Dehnbarkeit kann im Bereich von ca. 50 % bis max. 90 % liegen, um den zu fordernden hohen Arbeitsdruck und niedrigeren Ruhedruck zu erzielen. Die Art der verwendeten Garne und die ausgewählte Konstruktion bestimmen dabei die typischen Gebrauchseigenschaften [3].

Elastische Binden, deren Dehnbarkeit im Bereich von 120 % bis 200 % liegt, werden als Langzugbinden eingestuft. Da diese Binden einen zu hohen Ruhedruck und einen nur geringen Arbeitsdruck aufweisen, sind sie für den phlebologischen Kompressionsverband weniger geeignet [3]. Definierte Langzugbinden können jedoch die wirksamen Druckverhältnisse einer Kurzzugbinde aktiv über längere Zeit aufrechterhalten, sodass solche Kompressionsverbände über mehrere Tage angelegt bleiben können [3].

Tipps zur Anlegetechnik des PKV

In der Literatur findet sich eine Vielzahl individueller Verbandtechniken mit entsprechenden Vorgaben zum Anlegen des Kompressionsverbandes. Unabhängig davon sind jedoch folgende Prinzipien zu beachten:

Abbildung Anlegetechnik des PKV Schritt 1
Die Binde wird so in die Hand genommen, dass der aufgerollte Teil der Binde oben liegt und nach außen zeigt. Nur so lässt sich die Binde am Bein abrollen.
Abbildung Anlegetechnik des PKV Schritt 2
Die Binde beim Anlegen unmittelbar auf der Haut abrollen und beide Kanten gleichmäßig in der Ablaufrichtung anziehen. Die Binde niemals vom Bein wegziehen, weil damit die Führung verloren geht und strangulierende Schnürfurchen entstehen können.
Abbildung Anlegetechnik des PKV Schritt 3
Zum Anlegen ist das Sprunggelenk rechtwinkelig zu stellen. Nur so kann der größere Umfang im Bereich des Sprunggelenkes – etwa 1,5 cm – berücksichtigt werden. Beim Anlegen in gestreckter Stellung wäre der angelegte Verband beim Gehen zu eng!
Abbildung Anlegetechnik des PKV Schritt 4
Der Druck muss von distal nach proximal abnehmen d. h. er ist im Fessel­bereich am höchsten und nimmt zum Knie hin kontinuierlich ab.

Durchführung und praktische Hinweise

Das sichere Anlegen eines Kompressionsverbandes muss praktisch geübt und kann nicht alleine aus Büchern erlernt werden. Theoretische Anleitungen und praktische Tipps können aber dabei helfen, Fehler zu vermeiden. Denn man muss sich immer bewusst sein, dass dem Patienten mit einem schlecht angelegten Kompressionsverband erheblicher Schaden zugefügt werden kann.

  • Das Material des PKV und die Anlagetechnik müssen den Erfordernissen des jeweiligen Befundes, beispielsweise einem Ulcus cruris venosum, einer Stauungsdermatose oder einer Dermatolipo(faszio)sklerose angepasst werden [2].
  • Knöchel oder Kanten über dem Schienbein und der Achillessehne sollen seitlich gepolstert werden, um hier die stärkere Wölbung auszugleichen und damit den lokalen Andruck herabzusetzen [2].
  • Umgekehrt lässt sich der örtliche Andruck verstärken, wenn Vertiefungen und Hohlkehlen (Bisgaard‘sche Kulisse) mit festen Pelotten ausgepolstert werden [2].
  • Auch über einem Ulkus selbst kann die Wirkung des Kompressionsverbandes durch Pelotten, die die Ulkusgrenzen deutlich überlapppen, verstärkt werden [2].

Fazit: Ein richtig angelegter Verband vermittelt das Gefühl eines festen Haltes und wird als angenehm empfunden. Vorhandene Schmerzen lassen nach. Verstärken sich Schmerzen oder treten gar neue auf, die beim Umhergehen nicht verschwinden, muss der Verband unbedingt abgenommen werden [2].

Literatur

[1] Rabe, E. „Der leitliniengerechte phlebologische Kompressionsverband“, in HARTMANN WundForum 4/201

[2] Gericke, A. „Die Behandlung des Ulcus cruris venosum“, in HARTMANN WundForum 1/1998

[3] „Die phasengerechte Wundbehandlung des Ulcus cruris venosum“, HART-MANN medical edition, Heidenheim, 2008

[4] Data on file: Observational study PütterPro 2, n=101, Germany, 2015.

[5] Partsch, H. “Ulcus cruris venosum und Kompression. Wieviel Druck ist nötig?“, Deutsches Ärzteblatt / Jg. 102 / Heft 41 / 14. Oktober 2005.

[6] Tamoué, F. Clinical Evaluation

[7] https://www.wundzentrum-hamburg.de/fileadmin/user_upload/standards_WZ/03-2018/WZ-VS-008_V02_Kompressionstherapie_bei_Ulcus_cruris_venosum.pdf

[8] Beldon P. Ten top tips for Doppler ABPI. Wounds International 2011; 2(4): 18-21. Available from: http://www.woundsinternational.com/practicedevelopment/ how-toten-top-tips-for-doppler-abpi ; Al-Qaisi M, Nott DM, King DH, Kaddoura S. Ankle brachial pressure index (ABPI): an update for practitioners. Vasc Health Risk Manage 2009; 5: 833–41.

[9] Asmussen, Peter D., and Brigitte Söllner. Kompressionstherapie: Prinzipien und Praxis. Elsevier, Urban&Fischer Verlag, 2004.

[10] HARTMANN Sortimentskatalog, S. 76

[11] HARTMANN Sortimentskatalog, S. 76

[12] Data on file: LA1701653, 2018.

[13] Data on file: User evaluation Tubular bandage Coverflex fast, 2017.

[14] Data on file: Biological evaluation, 2018.

[15] Data on file: ISIS specification P 2.6742.

[16] Zöllner, P., Schmid, H., Schulz, H. (2011): Observational Study on a Novel Bi-elastic Short Stretch Bandage for the Treatment of Chronic Venous Insufficiency

[17] HARTMANN Sortimentskatalog, S. 68