Wunddrainage

Eine kontroverse Maßnahme, zu der es wenige Empfehlungen gibt

Warum eine Wunddrainage nicht routinemäßig empfohlen wird

Illustration of a leg injury
„…die meisten Meta-Analysen zeigten eine Tendenz zu einem positiven Effekt

des Verzichts auf eine Wunddrainage im Hinblick auf ein verringertes Risiko einer Wundinfektion. Es wurden jedoch keine signifikanten Unterschiede aufgezeigt.“1

Die Aussage des britischen Chirurgen Lawson Tait aus dem 19. Jahrhundert, „Im Zweifelsfall drainieren“, hat dazu geführt, dass das routinemäßige prophylaktische Legen einer Drainage nach einer Operation gängige Praxis wurde.1

Seitdem wurden jedoch zahlreiche Studien veröffentlicht, die den Nutzen einer routinemäßigen Wunddrainage in Frage stellen.1,2

Der prophylaktische Einsatz von Drainagen bei Enteroanastomosen soll mit einem erhöhten Risiko für Anastomosenleckage und Fistelbildung verbunden sein.3

Leitlinien

Leitlinien
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC4„Falls eine Drainage erforderlich ist, ist eine Redondrainage zu verwenden. Die Drainage ist durch eine separate Inzision abseits der operativen Inzision zu platzieren. Die Drainage sollte so bald wie möglich entfernt werden.“Kategorie IB
WHO1„Das Gremium merkt an, dass eine perioperative Antibiotikaprophylaxe nicht mit dem Ziel der Prävention von postoperativen Wundinfektionen bis zum Vorliegen einer Wunddrainage fortgesetzt werden sollte.“

Eingeschränkte Empfehlung, geringe Evidenzqualität

„Das Gremium schlägt vor, die Wunddrainage zu entfernen, sobald dies klinisch angezeigt ist. Es wurde keine Evidenz für die Empfehlung eines optimalen Zeitpunkts zur Entfernung der Wunddrainage mit dem Ziel der Prävention von postoperativen Wundinfektionen gefunden.“

Eingeschränkte Empfehlung, sehr geringe Evidenzqualität

NICE5--
KRINKO6Wunddrainagen sollen nicht routinemäßig, sondern nur bei gezielter Indikation und so kurzzeitig wie möglich eingesetzt werden. Offene Drainagen sind wegen des Infektionsrisikos nicht zu verwenden. Sofern Drainagen indiziert sind, sollen sie über eine separate Inzision ausgeleitet werden.-

HARTMANN:​

Portrait von Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
Denise Leistenschneider, Senior Clinical Consultant
"Der Einsatz von Drainagen ist vor dem Hintergrund der Studienergebnisse kritisch zu betrachten."

Wie lauten die Empfehlungen?

Icon of the arrow in circle

Art der Drainage:4
Redondrainage (geschlossene Drainage)
Icon of the arrow out

Anlage der Drainage:4,6
Durch eine separate Inzision abseits der operativen Inzision
Icon of a clock

Entfernung der Drainage:4,6
Drainage so bald wie möglich entfernen

Indikationen für die chirurgische Drainage in der Abdominalchirurgie

Folgende Faktoren sind mögliche Indikationen für eine chirurgische Drainage:3

  • „Dekompression“ von Eingeweiden (z. B. Duodenostomie, T-Drainage im Ductus choledochus)
  • Großer potentieller Totraum (z. B. abdominoperineale Rektumexstirpation, Abszesshöhle)
  • Unsicherer Verschluss von hohlen Eingeweiden (z. B. Zwölffingerdarm) – kann ein frühes Warnsignal für eine Fistel sein
  • Etablierte oder potenzielle Fisteln (z. B. Darm-, Gallen- und Pankreasfisteln)
  • Vorliegen von nekrotischem oder infiziertem Gewebe
  • Unsichere Hämostase – kann ein frühes Warnzeichen für Blutungen sein

Aktive und and passive Drainagen im Vergleich3

Active drainPassive drain
FunktionFunktioniert durch Unterdruck, der durch einen komprimierbaren Balg oder ein mechanisches System erzeugt wirdAbhängig von Druckunterschieden und Schwerkraft
DruckgradientGering bis mäßig negativ: 100–150 mmHg
Stark negativ: 300–500 mmHg (nur Shirley-Drainage)
Positiv
Verbinden der AustrittsstelleMinimal oder nicht erforderlichErhöhte Inzidenz aufgrund der begrenzten Wirkung auf den Totraum
FlüssigkeitsansammlungenGeringere Inzidenz, da Unterdruck die Gewebeanlagerung verbessert und den Totraum verödetErhöhte Inzidenz aufgrund der begrenzten Wirkung auf den Totraum
Retrograde InfektionGeringere Inzidenz, besonders bei geschlossenen DrainagesystemenHöhere Inzidenz bei offenen Systemen
Röntgenuntersuchungen über die DrainageLeicht durchzuführenSchwierig, nur unter besonderen Umständen möglich, z. B. bei T-Drainage und Nasensonde
DrucknekroseHöhere InzidenzWeniger häufig

NGT = nasogastric tube. Tabelle in veränderter Form nach Memon et al. 2002

Mögliche Komplikationen von Drainagen3

  • Blutungen, Fisteln und Perforationen durch Erosion
  • Entzündung
  • Gestörte Wundheilung
  • Leckage
  • Schmerzen
  • Postoperatives Fieber
  • Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Proteinverlust
  • Pneumoperitoneum, Pneumothorax
  • Hautemphysem
  • Übermäßige Flüssigkeitsabsonderung
Literatur
  1. WHO (2016) Global guidelines for the prevention of surgical site infection. World Health Organization 2016.
  2. Sagar PM, et al. (1993) Randomized trial of drainage of colorectal anastomosis. Br J Surg 80(6): 769–771.
  3. Memon MA, et al. (2002) The uses and abuses of drains in abdominal surgery. Hospital Medicine 63(5): 282–288.
  4. CDC (1999) Guideline for Prevention of Surgical Site Infection. Infect Control Hosp Epidemiol. 20(4): 247–278.
  5. NICE (2020) Surgical site infections: prevention and treatment. NICE guidelines. Veröffentlicht: 11. April 2019. Zuletzt aktualisiert: 19. August 2020. www.nice.org.uk/guidance/ng125.
  6. KRINKO (2018) Prävention postoperativer Wundinfektionen. Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl 61: 448–473.

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