Chirurgische Wundversorgung

Eine Wichtige Maßnahme mit vielen Facetten

Warum diese Maßnahme weit verbreitet ist, aber nur mit Vorsicht empfohlen wird

„Eine intakte Haut ist der beste Schutz vor einer mikrobiellen Invasion.“1

Bei chirurgischen Eingriffen ist diese Intaktheit nicht mehr gegeben.

Die intraoperative Wundversorgung ist daher eine weit verbreitete Praxis bei chirurgischen Eingriffen. Sie zielt darauf ab, ein feuchtes Wundmilieu aufrechtzuerhalten und postoperative Wundinfektionen zu verhindern.2 Eine überwältigende Mehrheit der Chirurgen, nämlich rund 97 %, wendet diese Technik in Eingriffen an.3 Doch trotz der weit verbreiteten Anwendung bleibt der Ansatz umstritten und unterliegt aufgrund der Komplexität der vorliegenden Erkenntnisse zurückhaltenden Empfehlungen und Richtlinien.

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erkennen die unsichere Abwägung zwischen Nutzen und Risiken im Zusammenhang mit der antimikrobiellen Wundspülung während der OP an.2,4

Leitlinien
LeitlinieEmpfehlungKategorie (falls genannt)
CDC4

„Zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen kann eine intraoperative Wundversorgung von tiefem oder subkutanem Gewebe mit einer wässrigen Iodophorlösung erwogen werden.“

Kategorie II

Schwache Empfehlung

Moderate Evidenzqualität

„Eine Peritoneallavage mit wässriger Iodophorlösung ist bei viszeralchirurgischen Eingriffen in kontaminierten oder manifest infizierten Regionen nicht erforderlich.“
WHO2„Das Gremium erkennt an, dass für eine Empfehlung der Spülung von Inzisionswunden mit Kochsalzlösung vor dem Wundverschluss zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen keine ausreichenden Evidenzdaten vorliegen.“Eingeschränkte Empfehlungen. Geringe Evidenzqualität.
„Das Gremium schlägt vor, die Spülung der Inzisionswunde mit einer wässrigen PVP-I-Lösung vor dem Verschluss zu erwägen, um postoperative Wundinfektionen zu verhindern, insbesondere für saubere und sauber-kontaminierte Regionen.“
„Das Gremium merkt an, dass eine antibiotische Versorgung der Inzisionswunde vor dem Wundverschluss nicht zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen eingesetzt werden sollte.“
NICE5„Eine Wundspülung muss nicht durchgeführt werden, um das Risiko postoperativer Wundinfektionen zu reduzieren.“
„Eine Lavage von Körperhöhlen muss nicht durchgeführt werden, um das Risiko postoperativer Wundinfektionen zu reduzieren.“
KRINKO5Wegen des Risikos der Resistenzentwicklung sollten antiseptische Spülungen vor Wundverschluss auf keinen Fall mit Antibiotika, sondern mit Antiseptika durchgeführt werden. Hierfür sollten oberflächenaktive Wirkstoffe vermieden werden. Octenidin-haltige Lösungen sind wegen der Retention im Gewebe für diese Indikation als ungeeignet anzusehen bzw. bei fehlender Abflussmöglichkeit kontraindiziert.

Argumente für die chirurgische Wundversorgung

Aufgrund der fehlenden Evidenz gibt es keine einheitlichen Empfehlungen für oder gegen die Verwendung oder die Art der Durchführung der chirurgischen Wundversorgung.

Dennoch hat die chirurgische Wundversorgung ihre Berechtigung.

Chirurgische Wundspüllösungen reinigen Wunden bekanntermaßen mechanisch, da sie:2

  • Detritus, Oberflächenbakterien und Körperflüssigkeiten gründlich entfernen
  • potenzielle Kontaminanten verdünnen und reduzieren
  • bei Anwendung geeigneter Wirkstoffe lokal antimikrobiell wirken

Unbedingt zu vermeiden

Für die chirurgische Wundversorgung sollten keine Antibiotika eingesetzt werden.2,6

Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis9 9

„Trotz der Verbreitung von Leitlinien zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen besteht weiterhin eine Diskrepanz zwischen den theoretischen Maßnahmen und der praktischen Umsetzung.“9

Zwar fehlt es in Bezug auf die Wundversorgung an Evaluierung und Evidenz, doch die Maßnahme wird von der chirurgischen Gemeinschaft aufgrund des gesunden Menschenverstands und der klinischen Praxis generell akzeptiert.9

Biofilm – ein weiteres Argument für die chirurgische Wundversorgung1

Biofilme spielen eine wichtige Rolle bei postoperativen Wundinfektionen und müssen entfernt und kontrolliert werden, da sie:1

  • die Wundheilung verzögern
  • das Eindringen antimikrobieller Wirkstoffe beeinträchtigen
  • Mikroorganismen auf der Wundfläche halten
  • die Wirksamkeit von Antibiotika reduzieren

Antimikrobielle Lösungen können bei der Prävention von postoperativen Wundinfektionen zwar von Nutzen sein, doch gibt es einige Unterschiede hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Eigenschaften.

  • Gewünschte Eigenschaften sind die Bekämpfung von Biofilmen und die Bekämpfung multiresistenter Krankheitserreger, ohne Resistenzen zu begünstigen.
  • Darüber hinaus sollte eine antimikrobielle Spülflüssigkeit im Hinblick auf die Gewebetoxizität und die erforderliche Einwirkungszeit in der Lage sein, ihre volle Wirkung ohne wesentliche Nachteile zu entfalten.
  • Antimikrobielle Flüssigkeiten sind bei der Bekämpfung der zunehmenden Herausforderungen durch antibiotikaresistente und panresistente Krankheitserreger unerlässlich geworden. Sie bieten eine entscheidende Wirksamkeit bei der Bekämpfung dieser Infektionen.
Literatur:
  1. Percival SL, Emanuel C, Cutting KF, Williams DW. Microbiology of the skin and the role of biofilms in infection. Int Wound J 2012; 9:14–32
  2. WHO (2016) Global guidelines for the prevention of surgical site infection. World Health Organization 2016.
  3. Whiteside OJH, et al. (2005) Intra-operative peritoneal lavage – who does it and why? Ann R Coll SurgEngl 87: 255–258.
  4. CDC (1999) Guideline for Prevention of Surgical Site Infection. Infect Control Hosp Epidemiol. 20(4): 247–278.
  5. NICE (2019) Surgical site infections: prevention and treatment. NICE guidelines. Veröffentlicht am 11. April 2019. www.nice.org.uk/guidance/ng125.
  6. KRINKO (2018) PräventionpostoperativerWundinfektionen. Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsbl 61: 448–473.
  7. Helwig T, et al. (2013) Tibial cleaning method for cemented total knee arthroplasty: An experimental study. IJOO 47: 18–22.
  8. Bath MF, et al. (2021) Does pulsed lavage reduce the risk of surgical site infection? A systematic review and meta-analysis. J Hosp Infect 118: 32–39.
  9. Badia JM, et al. (2020) The persistent breach between evidence and practice in the prevention of surgical site infection. Qualitative study. Int J Surg 82: 231–239.
  10. Siddiqi A, et al. (2021) Pursuit of the ideal antiseptic irrigation solution in the management of periprosthetic joint infections. J Bone Joint Infect 6: 189–198.

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