Was 2008 als Versuch begann, wurde jetzt quasi „volljährig“ – und ist zugleich ein fester Termin im deutschen Kongresskalender. Zum 18. Mal trafen sich Fachleute in den Kölner Sartory-Sälen und im benachbarten Mercure-Hotel. Im Mittelpunkt stand der Blick auf die Zukunft des Wundmanagements – unter dem Motto: „Wundversorgung revolutioniert! Ganzheitliche Ansätze für eine nachhaltige Heilung“.
Zum inzwischen 18. Mal fand am 27. November 2025 der Interdisziplinäre WundCongress, kurz IWC, in den Kölner Sartory-Sälen statt. Als besonderes Forum bringt er Expertinnen und Experten aus Pflege, Medizin und Recht zusammen, um gemeinsam über aktuelle Herausforderungen in der Wundversorgung zu beraten.
Um 9 Uhr eröffneten Kongress-Initiator Prof. Dr. Volker Großkopf und Co-Gastgeberin Marina Filipović, die Pflegedirektorin der Uniklinik Köln, den IWC. Über 1200 Gäste füllten den großen Sartory-Saal, mehrere Hundert waren online dabei – ob von zuhause oder aus dem Büro. „Die Onlineteilnahme hat sich zum Vorjahr fast verdoppelt“, sagte Großkopf und freute sich besonders über internationale Teilnehmende aus Ländern wie Österreich, der Schweiz, Schweden, Belgien und sogar Spanien.

Rettungsanker Telemedizin
Den Auftakt machte Dr. Susanne Kanya, Leiterin des MVZ KfH-Gesundheitszentrums Krefeld. Unter dem Titel „Telemedizin in der Wundversorgung – Segen oder Fluch?“ schilderte sie ihre Erfahrungen mit Videosprechstunden. Heute sind sie fester Bestandteil ihrer Arbeit, doch 2017 stieß die Idee zunächst auf Skepsis – sowohl wegen des ohnehin vollen Pflegealltags als auch wegen technischer Hürden. Während der Pandemie erwies sich das System jedoch als unverzichtbar: Rund die Hälfte ihrer Patientinnen und Patienten betreute Kanya damals per Video, wodurch die Versorgung gesichert und die Praxis entlastet wurde.
Anhand einer Fallsequenz zeigte sie, wie eine Pflegekraft vor Ort arbeitet, während sie selbst per Video die Wundbehandlung anleitet. Telemedizin biete, so Kanya, auch Zukunftschancen, etwa Angehörige beim Verbandswechsel digital zu unterstützen, um den Fachkräftemangel abzufedern.
KI und VR im Pflegealltag
Anschließend stellte Astrid Probst von den Kreiskliniken Reutlingen vor, wie E-Learnings und Virtual Reality (VR) die Pflegeausbildung stärken. In Reutlingen gibt sogenannte „Dekubitus-Champions“, die mit digitalen, KI-gestützten E-Learnings ihr Fachwissen vertiefen. Der Ansatz zeigt Wirkung: Die Zahl schwerer Dekubitusfälle ist deutlich gesunken – in diesem Jahr trat kein Fall über Grad I auf.
Probst betonte zudem das Potenzial von VR: Pflegekräfte können realitätsnahe Situationen sicher trainieren, was in Zeiten von Fachkräftemangel und steigenden Qualitätsanforderungen an Bedeutung gewinnt.
Patientenzentrierte Ansätze statt Routine
Veronika Gerber, 1. Vorstandsvorsitzende der Initiative Chronische Wunden (ICW), referierte über „Patientenzentrierte Wundversorgung – der Schlüssel zum Erfolg?“ als Ansatz insbesondere bei chronischen Wunden. Sie betonte: Der Erfolg hängt davon ab, die Krankengeschichte des Patienten genau zu kennen und Behandlungsroutinen flexibel anzupassen. Starre Denkweisen wie „Wir machen es immer so“ behindern den Erfolg.
Dekubitusprophylaxe und Haftungsprävention
Ein wegweisendes Urteil des OLG Köln stellte Prof. Dr. Volker Großkopf vor. In ihm wurde die Haftung einer Klinik wegen eines Dekubitus auf Basis eines pflegewissenschaftlichen Gutachtens abgelehnt. Der Fall zeigt sowohl die Fachkompetenz der Pflege in der Dekubitusprophylaxe als auch die Anforderungen an Einrichtungen: qualifiziertes Personal, klare Standards, lückenlose Dokumentation, fundierte Risikoeinschätzungen und gute Teamkommunikation.

Zeit ist Fuß
Dr. Stephan Eder, Facharzt für Chirurgie, Gefäßchirurgie und Phlebologie am Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen, thematisierte in seinem Vortrag „Herzinfarkt, Hirninfarkt, Fußinfarkt – Zeit ist Fuß!“ die Dringlichkeit der Wundsäuberung beim Diabetischen Fuß. Ein effektives Débridement sei entscheidend, betonte er, um die Ursachen einer Sepsis zu bekämpfen.
Eder kritisierte die IWGDF-Leitlinien. So sei Wundstadium 3 als „mäßig“ zu mild, und Stadium 4 sollte statt „schwer“ als „lebensbedrohlich“ eingestuft werden. Der Fußinfarkt werde unterschätzt: Etwa 30 % der Betroffenen sterben, 60 % müssen amputiert werden. Der englische Begriff „foot attack“ sollte etabliert werden, setze sich aber noch nicht richtig durch.
Dr. Risse über die Grundlagen der Wundversorgung
„Brauchen wir eine evidenzbasierte Wundversorgung?“ fragte zum Abschluss Dr. Alexander Risse, pensionierter leitender Arzt des Diabeteszentrums am Klinikum Dortmund gGmbH, die Kongressteilnehmer mit auf eine gedankliche Reise in die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens nahm.
In seinem Vortrag erklärte er – gewohnt kurzweilig und pointiert – den Unterschied zwischen Erkenntnis und Evidenz und wies auf die sprachliche Besonderheit des englischen evidence hin, das nur hinreichende Sicherheit für praktisches Handeln bedeutet. Problematisch sei es, wenn schwache Studien Eingang in Leitlinien fänden – etwa bei der Wundspülung mit Leitungswasser.
HARTMANN als Ihr Begleiter durch den Wund-Dschungel
Das Leben ist voller Abenteuer. Genau wie die Arbeit in der Wundversorgung. Man weiß nie, welche Herausforderung als nächstes auf einen zukommt.
Komplizierte Wundsituation, Zeitdruck und was ist heute eigentlich erstattungsfähig? Um genau diese Fragen zu beantworten, haben sich die Kolleginnen und Kollegen von HARTMANN in den Wund-Dschungel direkt in Köln begeben. Immer im Gepäck dabei: das Wundversorgungs-PLUS von HARTMANN. Denn das hilft durch den Dschungel der Wundversorgung, egal wie anspruchsvoll die Umstände auch sein mögen.
HARTMANN Symposien zur Kompressionstherapie
Neben dem Kongress-Hauptprogramm fanden gleich acht Satellitensymposien stand, die Teilinhalte des Kongresses vertieften und praxisorientiert darlegten. Zwei davon wurde von HARTMANN veranstaltet – und beide drehten sich um die Kompressionstherapie.
Kerstin Protz, Projektmanagerin Wundforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Referentin für Wundversorgungskonzepte, Vorstandsmitglied Wundzentrum Hamburg e. V., ging in ihrem Vortrag „Herausforderung Kompression gemeinsam meistern“ auf die sachgerechte medizinische und leitliniengerechte Kompressionstherapie ein. Trotz langjähriger Berufserfahrung und fachlicher Qualifikation stelle die Anlage einer sachgerechten Kompressionstherapie sowie das Erzielen adäquater Druckwerte für viele medizinische und pflegerische Fachkräfte eine Herausforderung dar. Das erläuterte sie auch anhand der Ergebnisse einer aktuellen Befragung von 421 medizinischen Fachkräften. Zugleich gab sie einen Ausblick in die digitale Zukunft, in der mit digitalen Systemen per Smartphone auch in diesem Bereich etwas bewegt werden könne, z. B. mit Apps für eine kontinuierlichen Drucküberwachung oder auch eine patientenindividuelle Edukation. Ihr Fachbeitrag kann auch auf der HARTMANN Academy heruntergeladen werden.
Im zweiten Symposium erläuterte HARTMANN Product Managerin Yasmin Sahin, warum die Kompressionstherapie für HARTMANN eine Herzensangelegenheit ist. Sie berichtete unter dem Motto „Besser gut gepüttert als falsch gewickelt“, wie das Unternehmen den bereits 1952 vorgestellten Pütter-Verband weiterentwickelt wurde, um eine wirksame, gut akzeptierte Kompressionstherapie sicherzustellen, die einfach, schnell und sicher anzuwenden ist. Wichtige Impulse für die Entwicklung kommen dabei sowohl aus Studien und der technischen Grundlagenforschung in den Labors von HARTMANN als auch insbesondere aus dem Austausch mit Anwenderinnen und Anwendern.
Der nächste IWC, dann unter dem Motto „Wundheilung heißt Verstehen – Wenn Wissen verbindet und Heilung beginnt“, findet am Donnerstag, 26. November 2026, erneut in den Sartory-Sälen statt.