„Ein gutes Netzwerk ist erfolgsbringend. Denn im Endeffekt profitiert jeder Player in diesem Spiel von einer interdisziplinären, ambulanten Zusammenarbeit“, mit diesen Worten knüpfte Dr. med. Tino Breitfeld, Oberarzt und Leiter des Wundzentrums des Harzklinikums in Quedlinburg, an seinen Vorredner an. Bevor er an diesem Symposiums-Morgen mit seinem eigentlichen Vortrag begann, betonte er, dass von der ambulanten Wundversorgung vor allem der Patient profitiere. Er selbst habe das Glück, seine Leistungen sowohl im Krankenhaus als auch in der Praxis anbieten zu können: „So kann ich Patientenströme steuern und dafür sorgen, dass sie länger ambulant bleiben.“
Auch für Breitfeld verbindet das Wund-Balance-Kontinuum wissenschaftlich fundierte Wundversorgung mit individuellen Patientenbedürfnissen und klinischer Praxis. Doch der Alltag sehe manchmal anders aus, und bei der Wundheilung spiele der Faktor Mensch eine ganz entscheidende Rolle: „Spätestens, wenn man in die Patientenwohnung kommt, hört jegliche Wissenschaft auf – und trotzdem muss es irgendwie funktionieren.“ Wenn z. B. der einzige soziale Kontakt eines Patienten die nette Pflegekraft sei, wolle er vielleicht gar nicht, dass seine Wunde schnell abheilt. Für Breitfeld ist es daher absolut sinnvoll, das Gesamtkonzept – Wunde, Mensch und Praxis – zusammenzuführen. Und das hätte das Wund-Balance-Kontinuum sehr schön geschafft.
Wund-Balance: heilungsstörende Faktoren rechtzeitig erkennen
Faktoren, welche die Wundheilung stören, müssten unbedingt erkannt werden. Früher wurde noch behauptet, es gäbe nichts „Fassbares“. Doch heute kennt man die Biomarker – MMP 2 und 9, Elastasen, lokale Entzündungen, oxidativer Stress, Nähr- und Sauerstoffmangel oder fehlende Angiogenese/Epithelisierung. „Das kann man inzwischen monitoren, Studien durchführen und so die Wundtherapie auf ein neues Level heben“, betont der Experte.
Das eigentliche Ziel sei aber, die chronische Wunde zu verbannen, sprich, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Es sei wichtig, proaktiv die störenden Faktoren zu erkennen und frühzeitig entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Im daily business vergesse man jedoch gern, die grundlegenden Aspekte der Wundtherapie zu beachten. So müsse an erster Stelle die Grunderkrankung diagnostiziert und leitliniengerecht therapiert werden – „ansonsten kann ich eine Wunde züchten, solange ich möchte“, warnt Breitfeld. Als Nächstes kommt das (sinnvolle) chirurgische Débridement – „wann immer möglich und ganz gleich, ob mit Ultraschall oder nur mit trockenen und sterilen Kompressen. Was faul ist, muss weg, sonst wird es nicht heilen. Und erst nach der Wundreinigung kann man sich Gedanken über die Wundauflage machen.“ Im Einmaleins der Wundtherapie – Absorption, Sequestierung, Retention, Entfernung – spiele das Exsudatmanagement eine große Rolle. Die Wunde dürfe weder zu trocken noch zu feucht sein. Deshalb müssten Wundauflagen abhängig vom Wundbefund bzw. vom Stand der Heilungsphase ausgewählt werden, der regelmäßig zu evaluieren sei. Je nach Phase kämen unterschiedliche Wundauflagen in Frage: „Es gibt keine Wundauflage, die in allen Phasen der Wundheilung gleich wirksam ist.“ Auch die Exsudatzusammensetzung – welche Art von Keimen befinden sich in der Wunde? – sei entscheidend. Hier seien Superabsorber sinnvoll: Sie können sehr viel Exsudat aufnehmen, die darin enthaltenen Heilungsinhibitoren sicher aufsaugen, binden und immobilisieren (z. B. Zetuvit® Plus Silicone Border).
Als vierten Punkt nannte Breitfeld die „Umgebungsoptimierung“, die ebenso einen wichtigen Einfluss auf die Wundheilung haben kann. Dazu gehört einmal die Ernährung, ein unfassbar wichtiges Thema, das in Wissenschaft und Praxis viel zu selten richtig beleuchtet werde. Außerdem können Medikamente, zu wenig Bewegung (z. B. bei chronischer Veneninsuffizienz) und weitere Faktoren die Wundheilung negativ beeinflussen. Als letzten, für ihn aber überaus entscheidenden Punkt nannte Breitfeld die seltenen Erkrankungen, die nicht vergessen werden dürften.
Patientenzentrierter Ansatz
Ein ganz wichtiger Punkt des Wund-Balance-Kontinuums ist für Tino Breitfeld der patientenzentrierte Ansatz: „Um vernünftig therapieren zu können, muss ich nicht die Wunde, sondern den Patienten kennen – mit seiner Wunde. Aber auch mit seinen häuslichen Gegebenheiten, seinen Bedürfnissen und Ängsten – was kann er umsetzen, was stört ihn (z. B. Kompression). Dazu müsse man ihn und oder auch seine Bezugspersonen in die Entscheidungen einbinden – vorausgesetzt, dass er es möchte. „Compliance ist extrem wichtig. Deshalb steht der Patient im Mittelpunkt und alles drumherum wird ein bisschen so geschnürt, dass es passt“, sagte der Wundexperte. Leider scheitere diese Idealvorstellung aber oft an der Zeit- und Ressourcenknappheit im Gesundheitswesen. Oberste Priorität hätte aber immer die Steigerung der Lebensqualität.
Warum an seltene Erkrankungen denken?
Zum Schluss seines Vortrags warf Breitfeld noch einen Blick hinter die Kulissen verschiedener seltener Erkrankungen und erläuterte, warum es so wichtig ist, daran zu denken. Denn seltene Erkrankungen sind gar nicht so selten, wie es scheint. Wie schon Kerstin Protz in ihrem Vortrag erwähnte, entstehen 20 % der Unterschenkelulcerationen durch eine seltene Erkrankung. „Das ist gar nicht so wenig“, betont Breitfeld, „das heißt, man muss nicht alle kennen, aber man sollte dran denken!“
Zu den seltenen Erkrankungen gehört beispielsweise die Acne inversa, eine entzündliche Erkrankung der Haarfollikel, deren Ursache und Entstehung noch nicht abschließend erforscht sind. Sie ist chronisch rezidivierend und benötigt deshalb eine lebenslange Therapie. Erfolgreich sei v. a. die LAight-Therapie – eine Kombination aus Licht und Radiofrequenz. Diese sei schonend, wirke antibakteriell, reduziere die Talgproduktion und den Haarfollikelverschluss und fördere die Durchblutung, sodass die Gewebeneubildung angeregt werde.
Das Pyoderma ganraenosum, wahrscheinlich eine Autoimmunerkrankung, trete v. a. bei Bagatellverletzungen auf. Ein Signal für diese Erkrankung seien u. a. extrem starke Schmerzen. Ansonsten sei sie auch mit einer Probeentnahme (PE) nur sehr schwer zu erkennen, da es viele ähnlich aussehende Differenzialdiagnosen gebe. Ziel sei in solchen Fällen ein Therapieversuch – aber bloß kein Débridement! –, der dem Patienten zu einer schnellen Besserung, v. a. Schmerzlinderung verhelfe.
Ganz gleich, welche Vermutung man habe, ob Neoplasien, Karzinomen, Kalziphylaxie oder eine andere seltene Erkrankung, eine PE sei enorm wichtig, denn sie könne oft für entsprechende Klarheit sorgen.