DESINFACTS | Ausgabe 2/2025

STUDIEN Keine Beobachtung ohne Einflussnahme! Neue Erkenntnisse zum Hawthorne- Effekt in der Händehygiene 24/7-Daten vom EMS, ergänzt durch direkte Beobachtungen Während der Studie wurden Daten auf einer Intensivstation, einer Intermediate Care-Station und einer Normalstation erhoben. Dabei wurden Patientenzimmer, Entsorgungs-/Putzmittelräume und sonstige Räume (z. B. Küchen, Flure) separat untersucht. Während das EMS über Sensor-bestückte Desinfektionsmittel-Spender permanent Daten lieferte, führten Hygienefachkräfte zu bestimmten Zeiten zusätzlich direkte Beobachtungen zur HHC gemäß der „5 Momente“ [2] durch. Für die Auswertung wurden die Ergebnisse statistisch modelliert [1]. Unter dem Hawthorne-Effekt (HE) versteht man das Phänomen, dass sich Menschen anders verhalten, wenn sie (wissentlich) beobachtet werden. Da der HE zu einer Verzerrung von Studienergebnissen führen kann, wird in der Forschung alles getan, um diesen zu vermeiden. Beim Monitoring der Händehygiene-Compliance (HHC) gilt die direkte Beobachtung jedoch als Goldstandard – trotz des Wissens um den HE. Eine neue Studie quantifizierte nun den HE an einem deutschen Klinikum mit Hilfe eines elektronischen Monitoring-Systems (EMS) und fand Unterschiede zwischen verschiedenen Stationen und Raumtypen [1]. Positiver Hawthorne-Effekt in Patientenzimmern am stärksten Insgesamt war ein positiver HE – also eine verbesserte HHC unter direkter Beobachtung – am stärksten in Patientenzimmern der Normal- und Intensivstation zu verzeichnen, während auf der Intermediate Care-Station kein signifikanter Unterschied bestand. Im Gegensatz zu den Ergebnissen von Patientenzimmern wurde ein negativer HE – also eine schlechtere HHC trotz Beobachtung – vor allem in Entsorgungsräumen festgestellt. Allerdings fanden in diesen Räumen weniger Beobachtungen statt und das beobachtete Personal könnte womöglich reaktantes Verhalten gezeigt haben [1]. Quellen 1. Otchwemah R et al. (2025) Am J Infect Control: S0196-6553(25)00451-1. https://doi.org/10.1016/j.ajic.2025.06.020 2. WHO (2009). WHO Guidelines on Hand Hygiene in Health Care. https://www.who.int/publications/i/item/9789241597906 (abgerufen am 31.07.2025) Fazit Auch wenn die Ergebnisse durch weitere Studien untermauert werden müssen, zeigen sie doch eines: Der HE scheint besonders im direkten Patientenkontakt relevant zu sein. Außerdem kann er innerhalb einer Klinik zwischen verschiedenen Stationen deutlich schwanken. Um die HHC möglichst aussagekräftig zu überwachen, können Kliniken verschiedene Methoden – wie hier elektronische und Personal-gebundene – kombinieren. Der vollständige Artikel kann hier heruntergeladen werden: Observing is influencing: How hand disinfection compliance observations affect hand disinfection rates; specifics derived from an electronic monitoring system - American Journal of Infection Control Abbildung in Anlehnung an [1]. Signifikanzniveaus: * ≤0,05; ** ≤0,01; *** ≤0,001. Sonstige Putzmittel/ Abfall Patient Ohne Beobachtung Beobachtung 25 20 15 10 5 0 ** + 31,4 % ** + 57,7 % *** + 70,5 % Rate (Händedesinfektion/Patiententag) Normalstation Sonstige Putzmittel/ Abfall Patient 50 40 30 20 10 0 + 3,5 % *** -99,4 % + 5,3 % Intermediate Care Sonstige Putzmittel/ Abfall Patient 75 60 45 30 15 0 *** + 27,4 % * + 32,9 % ** + 32,0 % Intensivstation 7

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