Porträt einer blonden Frau, die einen Mundschutz trägt.

Ein Blick in die Geschichte von Epidemien und Pandemien

Von der Pest bis COVID-19

Was geschah vor COVID-19?

Im Zusammenhang mit COVID-19 begegnen uns häufig die Begriffe „Epidemie“ und „Pandemie“. Doch Epidemien und Pandemien sind keine neuen Phänomene unserer Zeit. Von einer Epidemie wird gesprochen, wenn eine Infektionskrankheit in einem begrenzten Gebiet über einen begrenzten Zeitraum auftritt – das ist nicht selten. Auch Pandemien, d. h. weltweit und ohne zeitliche Begrenzung auftretende Infektionskrankheiten, gab es schon lange vor COVID-19. Gemeinsam mit Ralph Höger und Henrik Eßler vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) werfen wir einen Blick zurück in die lange Geschichte der Seuchen und sehen uns an, wie man zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte mit Epidemien und Pandemien umgegangen ist und welche Parallelen zur Gegenwart bestehen.

Die Pest

Historische Schwarz-Weiß-Skizze eines Mannes, der neben einem Pferdewagen steht.
Die Pest zählt zu den verheerendsten Infektionskrankheiten in der Geschichte der Menschheit. Im Laufe der Jahrhunderte gab es zahlreiche Pestpandemien und Pestepidemien, doch es ist nach wie vor ungeklärt, ob alle Ausbrüche durch denselben Erreger verursacht wurden.

Mitte des 14. Jahrhunderts wütete die durch den Erreger Yersinia pestis verursachte Beulenpest, die zu den verheerendsten Pandemien der Menschheit zählt. Die als „Schwarzer Tod“ bekannte Krankheit forderte allein in Europa etwa 50 Millionen Menschenleben. [1]

Interessanter Fakt: „Eine Gemeinsamkeit verschiedener Epidemien und Pandemien ist, dass sie sich entlang der Transportwege ausbreiten“, erläutert Henrik Eßler. So breitete sich auch die Pest im 14. Jahrhundert entlang der Handelsrouten aus und griff besonders in großen Hafenstädten wie Hamburg um sich. Zu ihrer Eindämmung wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, darunter die Isolierung von Infizierten und Verdachtsfällen sowie die militärische Abriegelung der Stadt- und Landesgrenzen.

Pocken

Auch wiederkehrende Pockenausbrüche sind in den Geschichtsbüchern zu finden. Im Laufe der Jahrhunderte kam es immer wieder zu lokalen und regionalen Pockenepidemien. Wie viele Todesfälle die Krankheit insgesamt verursacht hat, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen. Doch allein im 20. Jahrhundert starben weltweit mehr als 300 Millionen Menschen an Pocken. [2]

Interessanter Fakt: Am 8. Mai 1980 wurden die den Menschen gefährlichen Pockenviren für ausgerottet erklärt – eine einzigartige Leistung in der Geschichte der Medizin. „Die Pocken waren die erste große Krankheit, die durch eine wirksame Impfung vollständig ausgerottet werden konnte, erläutert Henrik Eßler.

Die Grundlagen dafür wurden in China und im Nahen Osten gelegt. Hier wurde die Technik der „Variolation“ angewendet. Dabei handelte es sich um eine frühe Form der Pockenimpfung, bei der der Inhalt der Pockenpusteln systematisch zwischen Menschen übertragen wurde (Inokulation).

In der westlichen Welt war es die Impfmethode von Edward Jenners, die schließlich zum Durchbruch führte: Im Jahr 1796 übertrug er Kuhpockenviren auf einen achtjährigen Jungen. Bei diesem Experiment fand er heraus, dass der Junge nach Überwindung der Krankheit gegen die weitaus gefährlicheren Menschenpocken immun geworden war. [3] Jenner nannte sein Verfahren „Vaccination“ (dt. Impfung), nach vacca, dem lateinischen Wort für Kuh, denn sein Impfstoff basierte nicht auf dem Erreger der Menschenpocken, sondern auf dem Kuhpocken-Erreger.

Dank Impfungen konnten die Pocken schließlich ausgerottet werden. „Der Staat und das Gesundheitswesen wuchsen in diesem Prozess immer mehr zusammen. Ab etwa 1800 entwickelte sich die Disziplin der medizinischen Statistik. Das bedeutete, dass der Staat Aufzeichnungen darüber führte, wie viele Menschen geboren wurden und wie viele starben und wie gesund oder krank sie waren“, erklärt Ralph Höger. Auch Impfungen wurden überwacht, und 1807 führte Bayern als erster deutscher Staat die Impfflicht ein.

Doch diese gesetzliche Vorschrift rief auch eine Gegenbewegung auf den Plan. Schon damals wurden bizarre Verschwörungstheorien verbreitet: Manche Menschen befürchteten beispielsweise, dass die Impfung sie – zumindest teilweise – in eine Kuh verwandeln würde.

Historische Schwarz-Weiß-Zeichnung von Edward Jenner, der vor einer Gruppe von Menschen ein Kind impft.

Cholera

Im 19. Jahrhundert begann sich die Cholera in Europa auszubreiten. Neben anderen Regionen war auch Hamburg stark betroffen. Dort starben im Jahr 1892 bei einem großen Ausbruch über 8.000 Menschen. [4]

Interessanter Fakt: Ausgangssperren, wie wir sie heute kennen, wurden in in Hamburg zunächst nicht verhängt – ganz im Gegenteil. „Man befürchtete, dass der Handel darunter leiden würden und versuchte daher, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, selbst als das Krankheitsgeschehen bereits in vollem Gange war“, so Henrik Eßler.

Erst dem Arzt und Mitbegründer der Mikrobiologie Robert Koch (11.12.1843 bis 27.05.1910), der im Auftrag des preußischen Gesundheitsministeriums nach Hamburg reiste, gelang es, die Cholera-Epidemie in Hamburg zu beenden. Er konnte das verantwortliche Bakterium nachweisen und wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen. Neben strengen Hygienemaßnahmen umfassten diese Maßnahmen auch Schiffskontrollstationen im Hamburger Hafen, um die weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Eine dieser Stationen wurde von Bernhard Nocht geleitet, einem Cholera-Experten und Schüler von Robert Koch.

In den Jahren nach der Epidemie wurden weitere Maßnahmen ergriffen, um die hygienischen Verhältnisse in der Stadt Hamburg zu verbessern und zukünftige Epidemien zu verhindern. Es wurde eine Filtrieranlage für Trinkwasser gebaut und ein Hafenarzt eingestellt. Bernhard Nocht nahm diese Stelle im Jahr 1893 an und war für die Gesundheits- und Hygienekontrollen auf den Schiffen zuständig.
Historische Schwarz-Weiß-Skizze von Frauen und Kindern, die auf einem Marktplatz Eimer mit abgekochtem Wasser aufheben.

Spanische Grippe

Die Spanische Grippe wütete von 1918 bis 1920 und forderte in diesem relativ kurzen Zeitraum weltweit zwischen 27 und 50 Millionen Todesopfer. [5] Sie wurde durch das Influenzavirus verursacht, wenngleich dies erst später herausgefunden wurde. „Viren sind eigentlich erst seit den 1930er Jahren nachweisbar“, erklärt Henrik Eßler: „Häufig konnten Forscher zwar Bakterien nachweisen, doch diese waren nicht der eigentliche Erreger.“

Interessanter Fakt: Auch hier lassen sich überraschende Parallelen zur heutigen Zeit ziehen, denn die Maßnahmen gegen die Spanische Grippe waren den Corona-Regeln nicht unähnlich. In den USA wurde beispielsweise empfohlen, sich häufig die Hände zu waschen oder einen Mundschutz zu tragen.

Schwarz-Weiß-Foto eines Arztes und zweier Krankenschwestern, die Kleidung aus dem frühen 20. Jahrhundert und Gesichtsmasken tragen.

HIV and AIDS

Rote HIV-Schleife in der Handfläche einer Person.

Schätzungen zufolge hat HIV/AIDS bisher weltweit fast 35 Millionen Menschen das Leben gekostet. Ein Ende der HIV-/AIDS-Pandemie ist noch lange nicht in Sicht. Allein im Jahr 2020 gab es 1,5 Millionen Neuinfektionen. [6]

Interessanter Fakt: Hier wird häufig eine weitere wichtige Gegenmaßnahme umgesetzt: Die „Gesundheitsaufklärung ist ein sehr wirksames Mittel zur Bekämpfung von Pandemien“, erläutert Ralph Höger. Dazu gehört es, Informationen zu Schutzmaßnahmen in der Öffentlichkeit zu verbreiten, beispielsweise im Rahmen von Kampagnen zur Gesundheitsaufklärung.

COVID-19

Und heute? Durch die globale COVID-19 Pandemie sind über 4,5 Millionen Menschen gestorben. [7]

Die Corona-Pandemie war eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Ein Blick in die Geschichte vergangener Pandemien und Epidemien zeigt jedoch, dass wir zunehmend in der Lage sind, aus unseren Erfahrungen zu lernen. Eines ist also sicher: Ob durch Gesundheitsaufklärung, Schutzmaßnahmen wie Mundschutz, Impfungen oder Hygienemaßnahmen wie Händedesinfektion – noch nie waren wir besser darauf vorbereitet, den Kampf gegen eine neue Pandemie aufzunehmen.

Bild einer Sterillium® Flasche mit rotem „Umhang“ vor Personen mit Gesichtsmasken.

Über die Experten

Ralph Höger, Sozialhistoriker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. In seiner Dissertation befasst er sich mit dem Thema „Psychiatrisches Heilungswissen (1840–1914)“ am Beispiel der Psychiatrie in Württemberg. Zu seinen weiteren Forschungsgebieten gehören die Geschichte des Wissens, die Didaktik der Geschichte sowie Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft.

Henrik Eßle
r, Sozial- und Wirtschaftshistoriker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und Kurator am Medizinhistorischen Museum Hamburg. Sein Dissertationsprojekt befasst sich mit dem Thema „Konstrukteure der Krankheit: Moulagenbildnerei als Beruf?“. Zu seinen weiteren Forschungsgebieten gehören visuelle und materielle Kulturen der Medizin, Hygienediskurse und Biopolitik in der Stadtentwicklung sowie historische Berufsforschung im Gesundheitswesen.

Quellen: