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Sicherheit hat Vorrang

Die weltweite Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Versorgung vieler Patienten mit chronischen Wunden. Wie Pflegefachleute mit der Herausforderung umgehen, schildert Inga Hoffmann-Tischner aus Köln.

von der Hartmann Online-Redaktion 16.04.2020

„Abstand halten ist unsere oberste Prämisse“, fasst Inga Hoffmann-Tischner die Aufgabenstellung in Zeiten von COVID-19 zusammen und ergänzt: „Denn unsere Patienten zählen alle zur Risikogruppe.“

Mit einem Team von rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versorgt Inga Hoffmann-Tischner in ihrer Praxis für Wundpatienten in Aachen und mit einem Pflegedienst in Köln weit über 200 Patienten mit chronischen und schwer heilenden Wunden.

„Wir begannen mit unseren Maßnahmen bereits, bevor die Schulen in Nordrhein-Westfalen geschlossen wurden“, beschreibt die examinierte Krankenschwester und Pflegetherapeutin Wunde ICW das Vorgehen. So wurden die Stühle im Wartezimmer weiter auseinander platziert und die Zahl der Menschen, die gleichzeitig vor Ort sind, reduziert. „Außerdem wiesen wir auch unsere Patienten darauf hin, sich regelmäßig und beim Besuch in unserer Praxis die Hände zu waschen.“

Alle akzeptierten die Maßnahmen, auch wenn es für einige zugleich mit dem Verlust wichtiger Kontakte verbunden war, wie Inga Hoffmann-Tischner berichtet: „Es gab vor Corona immer eine Tasse Tee bei uns und viele Wundpatienten saßen vor oder nach ihrer Behandlung bei uns ein bisschen zusammen, fast wie eine kleine Selbsthilfegruppe. Das fällt jetzt leider alles flach.“

Praxis Wartebereich vor und nach Corona
Wo früher die Patienten zusammensitzen konnten, stehen jetzt die Stühle in sicherem Abstand.

Neue Ansprüche in der ambulanten Pflege

Inga Hoffmann Tischner Portrait rund

„Weniger Kontakte“ gilt auch für die Besuche zuhause. „Wir haben Patienten oder Angehörige angeleitet, einige Maßnahmen der Behandlungspflege selbst durchzuführen, sodass sie den Verbandwechsel selber durchführen können und wir seltener in die Wohnung des Patienten kommen müssen“, sagt Inga Hoffmann-Tischner. Dies ginge natürlich nur in den Fällen, bei denen man sich auf eine Rückmeldung bei Veränderungen verlassen könne, solange eine professionelle Krankenbeobachtung vor Ort fehle. „Wir haben sie gewissermaßen in die Selbstständigkeit entlassen“, ergänzt sie, „und nehmen auch in Kauf, dass sich die Wundheilung dadurch vielleicht auch etwas verzögert.“

Ein großer Vorteil sei dabei gewesen, dass die Patienten bereits vorher als Teil des Behandlungsteams angesehen wurden und in die Behandlung eingebunden gewesen seien. „Die Reinigung der Wunde führten die Patienten oft selbst durch, natürlich unter fachkundiger Anleitung.“ So waren sie jetzt bereits vorbereitet. Das Material wurde ihnen zugeschickt, für die Unterstützung und Kontrolle kam die Handykamera zum Einsatz und alle erhielten den Hinweis, außergewöhnliche Symptome oder Ereignisse sofort zu melden.

Wichtig war aber natürlich auch eine intensive Anleitung in Sachen Hygiene, so wie auch insgesamt die Hygienemaßnahmen verstärkt wurden. „Grundsätzlich hat sich nichts geändert“, meint Inga Hoffmann-Tischner, „aber wir haben alle im Team noch einmal sensibilisiert, zum Selbst- und Angehörigenschutz auf die Einhaltung der Hygieneregeln zu achten.“

Auch tragen alle Mitarbeiter heute einen Mund-Nasen-Schutz (MNS). „Er verhindert Dinge die wir auch sonst am Mundschutz schätzen, z. B. das versehentliche „Spucken“ beim Sprechen und das Risiko, Hyperkeratosen- und Fussnagelsplitter in den Mund zu bekommen“, sagt Inga Hoffmann-Tischner. „Außerdem schützt der Mund-Nasen-Schutz davor, sich an die Nase zu fassen, und vermittelt dem Patienten Vertrauen durch den vermeintlichen hygienischen Schutz, was auch psychoneuroimmunologisch nicht zu verachten ist.“

„Zum Teil haben wir die MNS selbst genäht, weil sie sonst nicht verfügbar waren“, beschreibt Inga Hoffmann-Tischner die Situation. Und daraus entstünden dann neue Fragen, z. B. wann diese gewechselt oder wie sie gewaschen werden sollen?

Auch bei Desinfektionsmitteln traten in den letzten Wochen Versorgungsengpässe auf, während Wundauflagen jederzeit verfügbar waren. Bei einem ist sich Inga Hoffmann-Tischner aber sicher: „Wir werden die Produkte zukünftig mehr wertschätzen und auch einen Sicherheitsbestand anlegen.“

Wirtschaftlichkeit unter Druck

Die Beschränkungen in den internationale Lieferketten führten zudem auch insgesamt zu steigenden Beschaffungspreisen. Die wirtschaftliche Situation von Inga Hoffmann-Tischners Unternehmen wird zudem auch durch finanzielle Einbußen belastet, unter anderem, weil weniger Behandlungen vor Ort stattfinden, telefonische Beratung und Patientenedukation nicht abrechenbar sind und der Pflegedienst auch andere Aufgaben übernimmt, wie z. B. das nur gering vergütete Einkaufen für die Senioren. Und nicht zuletzt fallen Umsätze weg, die zuvor durch die Ausrichtung von Fortbildungsveranstaltungen erzielt wurden.

Zum Glück musste sie noch keine Corona-Infektion unter ihren Mitarbeiter und Patienten verzeichnen und auch sonst sei noch keine Mitarbeiterin ausgefallen, selbst wenn viele Wege finden mussten, wie die Kinder bei geschlossenen Kindergärten, Kitas und Schulen betreut werden. Auch die Betreuung mancher Eltern musste wegen geschlossener Tagespflegeeinrichtungen organisiert werden. „Die haben das alle – nach anfänglichen Schwierigkeiten – selbst organisiert“, meint sie stolz, während sie zugleich vom Begriff „Entschleunigung“, der öfter mal durch die Medien geistere, eher genervt sei. „Davon merken wir nichts. Für uns alle in der Pflege stellt sich eher die entscheidende Frage, wie dieses Ungleichverhältnis von steigenden Preisen für Schutzausrüstung (MNS, Handschuhe, Kittel, Desinfektion) sowie erhöhtem Verbrauch bei zugleich geringeren Umsätzen wohl aufgehen wird. Die Welt klatscht und zündet Kerzen für die Pflege an. Aber Sorry, das sehen und hören wir nicht – und es bezahlt auch keine Rechnungen.“